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Irland Foto-Story der Woche: Diesen Dienstag spaziert Kevin Balanda mit der Kamera in der Nähe seines Zuhauses entlang der Küste von Glengarriff, County Cork.

Ein trüber Tag im Hafen von Glengarriff und das Streben nach „Perfektion“

Ich habe das große Glück, in einer besonders schönen Ecke der Welt zu leben.

Landschaftsfotografen lieben weitläufige, schöne Ausblicke. Allgemeiner gesagt: Fotografen suchen in ihren Bildern nach Perfektion. Oft genügt schon ein winziger Makel, damit ein Foto für sie wertlos erscheint.

Vor kurzem nahm ich meine Kamera mit an die Küste von Glengarriff Harbour, der Buch von Glengarriff in West Cork. Doch das Wetter schlug um, der Tag wurde grau, die Lichtverhältnisse eintönig. Ich war kurz davor umzukehren, als mein Blick auf das Wasser fiel, das an der Hafenmauer entlang spülte. Das Foto zeigt, wie die Algen und Blätter an einer kleinen Betonrampe im Wasser wirbeln. Ein wenig Bildbearbeitung brachte die verborgenen Farben und Bewegungen heraus. Es war nicht das erhoffte Foto von einer prächtigen Landschaft – und doch . . .

Das Streben nach Perfektion beherrscht nicht nur die Fotografie, sondern unser ganzes Leben. Es wird von den sozialen Medien und der Geschäftswelt befeuert. Die Bildsprache, die wir heute betrachten, wird zunehmend durch künstliche Intelligenz gestaltet. Das führt zu einer Formelhaftigkeit – die Fotos sind vielleicht schön oder nett, aber nicht unbedingt interessant. Viele Menschen empfinden mittlerweile, dass mit er digitalen Perdektionierung Kreativität, Lebendigkeit und das Menschliche verloren gehen.

Man kann einen großen, gezielten Marketing-Mechanismus am Werk sehen, der uns allen ein Gefühl der Unzulänglichkeit einpflanzt. Wir sind gezwungen, unser einfaches Leben und unsere gewöhnliche Umgebung fortlaufend mit dieser konstruierten Perfektion zu vergleichen. Der schmerzlich empfundene Unterschied zwischen unserem Alltag und diesem künstlichen Ideal ermöglicht es Unternehmen, Produkte zu verkaufen, die diese Lücke angeblich üllen. Während diese unstillbare Sehnsucht unseren Planeten zerstört, führt das kommerzielle Unzulänglichkeitsgefühl bei vielen Menschen zu echter Verzweiflung – bis hin zu Konflikten und psychischer Not in unserer Gesellschaft.

Natürlich ist das alles weder neu noch bahnbrechend. Auch dieses Foto ist nicht außergewöhnlich, allenfalls ein nettes Farbspiel. Aber ich mag es besonders, weil es mich daran erinnert, die einfachen, kleinen und weniger perfekten Dinge in meiner Welt zu schätzen.

Für Fotografen: Die Brennweite war auf 55 mm eingestellt. Die Kameraeinstellungen erlaubten eine lange Belichtung: ISO 100, Blende f/22, 0,5 s. Bearbeitet in Lightroom.

© Kevin Balanda

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