
Der Kampf um das alte Institut der Ehe polarisiert das Land: Es geht mal wieder ums Ganze auf de Insel der großen Ungleichzeitigkeit. Um den endgültigen Untergang der christlich-katholischen Kulturdogmen, die Bannung der Überreste eines einst übermächtigen Kirchen-Stalinismus und um die Fortsetzung des irischen Weges in eine offene und freie Zivilgesellschaft. Knapp eine Woche vor dem Referendum stehen die Chancen sehr gut, dass Lesben und Schwule auf der grünen Insel bald die gleichen Rechte haben werden wie Menschen mit der sexuellen Orientierung auf das jeweils andere Geschlecht. Zumindest wenn es um Ehe und Heiraten geht. Doch schon der alte Fußballgott Sepp Herberger wusste: Ein Spiel dauert 90 Minuten und abgerechnet wird am Schluss. Die Nein-Fraktion der Homo-Ehe-Gegner rüstet zum großen Endspurt, benötigt allerdings einen spektakulären Umschwung in letzter Minute, um den Status-Quo halten zu können. Falls sich Irland am kommenden Freitag für ein Ja entscheidet, würde es gleichgeschlechtlichen Paaren mehr Gleichheit garantieren, als dies derzeit in Deutschland der Fall ist.
Irritierend bleibt das große Schweigen vor allem auf dem Lande. Hier wird man hinter vorgehaltener Hand und ganz im Vertrauen intensiv ausgefragt, wie man zum Ehe-Referendum steht: „Yes or No?“ Offiziell aber halten sich die meisten Menschen streng bedeckt. Junge Männer, die sich in unserer Gegend mutig zum Schwulsein bekennen, werden schon mal beschimpft, verteufelt, anonym bedroht oder gar mit rohen Eiern beschmissen. Yes-Veranstaltungen werden von den Einheimischen gemieden und vor allem von sogenannten Blow-ins besucht, von Städtern, Engländern oder interessierten Nicht-Wählern aus dem Ausland. Ein junger Ire aus unserem Ort, der aus seiner sexuellen Orientierung seit Jahren kein Geheimnis macht, kritisierte kürzlich auf Facebook, wie feige sich selbst die örtlichen Vertreter der Regierungsparteien verhalten: Viele sind abgetaucht und trauen sich nicht, beziehungsweise weigern sich, die Ja-Linie der Regierung im Herrgottswinkel auf dem Land zu unterstützen — aus Angst davor, bei den nächsten Wahlen von den konservativen Wählern abgestraft oder gar für Ihre Haltung sozial geächtet zu werden.
Die rigiden ethisch-moralischen Dogmen der staatlich-kirchlichen Kulturhegemonie hatten dem jungen irischen Staat in den ersten sieben Jahrzehnten nach der Unabhängigkeit Stabilität und Ordnung garantiert, aber den Menschen viel Leid, Schmerz, Zwang und Unfreiheit gebracht. Langsam aber durchaus konsequent entledigt sich Irland dieser Fesseln, auch wenn sie vor allem als von Menschen verinnerlichte Moralvorstellungen noch immer mächtiger sind, als es auf den ersten Blick erscheint. Die hohe Zahl der Suizide von jungen irischen Männern beispielsweise ist zum Teil auf diese inneren Fesseln zurück zu führen. Psychologen weisen daraufhin, dass es auch heute noch zahlreiche Selbsstötungen von jungen Männern gibt, die sich nicht trauten, offen zu ihrer sexuellen Orientierung zu stehen.
Für mich ist der Fall klar: Yes, yes, yes. Doch die Haltung bleibt eine unverbindliche Meinung, die ich politisch im Sinne einer Beteiligung am Referendum nicht ausdrücken darf. Betrüblich, dass wir als deutsche Europäer, die wir seit 15 Jahren ununterbrochen in Irland leben, von der Teilnahme an Volksentscheiden genauso ausgeschlossen bleiben wie von den Wahlen zum nationalen Parlament Irlands. Dies zeigt, wie wenig es beim Wirtschafts- und Finanzprojekt Europa in Wahrheit um das Europa der Bürger geht. Vielleicht wird das Thema zum Stoff einer Verfassungsklage . . .
* Die gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaft ist in Irland seit dem Jahr 2011 gesetzlich anerkannt.

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