Am 16. Juni 2009 schrieb ich an dieser Stelle: „Zeit für ein Geständnis: Seit dem 16. Juni 1959 ist es dem Wanderer trotz zahlreicher Anläufe bis heute nicht gelungen, den Ulysses von James Joyce in einem Rutsch komplett zu lesen. Eine Aufgabe also für das neue Bloomsyear. Vielleicht gelingt dies mit Hilfe eines Struktur- und Orientierungsschemas, das Joyce Freunden überließ und das jedem Kapitel ein Symbol, eine Farbe, ein Organ und andere Merkmale zuordnet.“

Nun, ein Jahr später, noch ein Geständnis: Es ist wieder nicht geschehen. Ulysses samt Sekundärliteratur blieben ein weiteres Jahr ungelesen, ja unangerührt im Bücherregal stehen. So bemessen sich Lebensjahre mittlerweile an der verpassten Chance, Literatur-Klassiker zu lesen. Deshalb: Keine literarischen Selbstverpflichtungen mehr, nur ein kurzes Nachsinnen über die Gründe des Nicht-Gelingens.

Um den Ulysses komplett zu lesen, muss man nicht ein moderner Odysseus, wohl aber ein zeitgenössischer Herakles sein: Die Lektüre darf als 13. heraklische Großtat gelten. Manche Zeit-Diagnostiker meinen, wir verlören angesichts der Dominanz der omnipräsenten und ständig fordernden Onlinemedien die Fähigkeit zur Langstrecke auf Papier: Geduldiges Bücherlesen, das Aufbohren dicker Schwarten sei eine aussterbende Kulturtechnik, mahnen Lauscher am Puls der Gesellschaft, wie zum Beispiel der Trendlhorcher und FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher. 

Der Sog der zeit- und energie-absorbierenden Onlinemedien, besonders des Social Web: Er verändert unser Leben dramatisch und im Eiltempo. Wer sich entzieht, gewinnt Freiheit und verliert . . . den Anschluss? Die Zeitgenossenschaft? Durchschnittlich 151 Facebook-„Freunde“?

Kommen wir zum eigentlichen Thema: Heute war (und ist noch immer) Bloomsday. Ein Tag, der in Irland und anderswo gerne zelebriert wird. Ich zitiere mich ausnahmsweise einfach einmal selber: