Beara Frühjahrs-Wanderung 2019. Wir fuhren heim nach einer zehntägigen Wanderung auf meinem ganz persönlichen eigenen Fernwanderweg Beara Way. Roland Kroell, der Schwarzwälder Barde und Minnesänger, der Dulcimer-Musikant und Interpret des  jungen romantischen James Joyce,  war mein guter Begleiter. Wir hatten die steinigen Strände und die wasserrsatten Täler, die kahlen Berge und die geheimnisvollen Eichenwälder der Halbinsel durchwandert. Wir hatten von seltsamen Heiligen und heiligen Unheilsbringern erfahren, wir hatten wesensähnliche Grenzgänger getroffen und tief in der Landschaft Bearas verwurzelte Menschen erlebt. Wir spürten den Geist von John O`Donohue an unserer Seite.

Am Ende unserer Reise fuhren wir hinter dem Regenbogen. Er führte und begleitete uns in Gestalt eines perfekten Halbkreises zwölf Minuten lang nach Hause. Wir konnten und wollten ihn nicht überholen. Er löste sich über dem Seal Harbour auf. Ich erinnerte mich an die alten Geschichten über den Regenbogen und die Reichtümer an dessen Enden; ich hatte darüber in meinem ersten Irland-Buch geschrieben:

 

Das Kleine Volk: Existiert es wirklich (nicht)? Diese Frage werfe ich am Ende meines Buches “Irland. Ein Länderporträt” auf. Wenn es das Kleine Volk gibt, dann gibt es auch die Goldtöpfe am Ende des Regenbogens. Oder? Hier eine Leseprobe über die irischen Feen und Naturgeister:

“Nun, am Ende dieses Buches, bleibt die so ewige wie komplizierte Frage anzusprechen, die Generationen von Einheimischen und Besuchern in den Bann gezogen hat: Wie steht es um die Little People von Irland, die Feen, Elfen, Kobolde und Naturgeister, für die das Land bekannt ist? Gibt es sie tatsächlich (nicht)?  Wo leben die Leprechauns und unter welchen Umständen werden die Sidhe für uns Menschen gefährlich? Muss man nachts in der Nähe von Friedhöfen den Fear Dearg, den Roten Mann, wirklich fürchten?

Das Kleine Volk aus der Anderswelt ist bei der jungen Generation fast in Vergessenheit geraten, man muss schon die alten Iren konsultieren, um den Weg zu finden, um über Banshees, Sheeries, Red und Grey Man, über Dullahan, Pooka, Cluricauns, Grogoch, Leprechauns und Changelings zuverlässig Auskunft zu erhalten. Irlands bekanntester und möglicherweise am weitesten verbreiteter Naturgeist ist der Leprechaun. Er wird beschrieben als kleiner Mann mit langem weißem Bart.

Der Leprechaun (auch Leipreachán, Leprechawn oder Luricawne) ist ein mürrischer, oft leicht angetrunkener Einzelgänger. Er trägt ein rotes Gewand mit sieben Knopfleisten und je sieben Knopflöchern – allerdings gänzlich ohne Knöpfe. Der Leprechaun arbeitet von Haus aus als Schuster, er hat mit seinem Handwerk ein Vermögen gemacht, werkelt aber immer nur an einem einzelnen Schuh. Das Versteck seines Goldschatzes am Ende des Regenbogens hütet er bis heute erfolgreich. Viele Menschen haben versucht, das Geheimnis der Leprechauns zu erfahren. Von ihnen stammen die Beschreibungen, wie man einen Leprechaun am besten fängt.

Finbar O’Sullivan ist einer der Zeitgenossen, die einen Leprechaun getroffen haben. Der kleine Mann saß in die Arbeit vertieft am Wegesrand. Finbar näherte sich fast lautlos von hinten, stürzte sich auf den kleinen alten Mann und packte ihn am Bart. Finbar und der Leprechaun lieferten sich einen ausdauernden Kampf, der kleine Mann verwandelte sich in einen Vogel, dann in einen schlüpfrigen Aal, es half am Ende nichts. Finbar, der Farmer, wollte endlich reich sein und kämpfte wie ein Löwe. Der Leprechaun gab auf und deutete auf eine Jakobskrautpflanze: Dort ist der Schatz vergraben.

Weil Finbar ein ziemlich fauler Farmer war, wuchsen auf seinem Land viele Jakobskrautpflanzen, und um ganz sicherzugehen, knotete Finbar sein rot gepunktetes Taschentuch an das Jakobskraut, unter dem der Goldschatz liegen sollte, bevor er eiligst nach Hause lief, um seine Schaufel zu holen. Nach wenigen Minuten kehrte der Farmer zurück. Der Leprechaun war verschwunden, und an allen Jakobskrautpflanzen in der weiten Umgebung hingen rot gepunktete Taschentücher.

Eine wahre Geschichte? Sagen wir: eine schöne Geschichte. Eine wahre und verbriefte Geschichte dagegen ereignete sich im Jahr 1999 im Westen Irlands, im County Clare. Die alte Nationalstraße 18 zwischen Limerick und Galway sollte großzügig ausgebaut werden, die Stadt Ennis eine Umgehungsstraße erhalten. Die neue Trasse wurde in Latoon bei Newmarket-on-Fergus über ein Feld geplant, auf dem ein einzelner alter Weißdornbaum stand. Von dem kleinen Weißdorn – mehr Busch als Baum – hieß es, er sei ein wichtiger Feenbaum, unter ihm versammelten sich regelmäßig die Fairies aus der gesamten Südwestprovinz Munster, bevor sie gegen die Feen aus der Nordwestprovinz Connaught zu Felde zogen.

Der im ganzen Land bekannte Geschichtenerzähler Eddie Lennihan, ein gebürtiger Kerryman mit Wohnsitz im County Clare, konnte nicht fassen, welch achtlose Schandtat die Straßen- bauer planten und griff zu seinen Waffen: das Wort und die Geschichte. Eddie erzählte bei Demonstrationen, vor Journalisten, vor Mikrofonen und Fernsehkameras seine Geschichte vom wichtigen Versammlungsort der Naturgeister. Man habe den Ort und seine Bewohner zu respektieren und in Ruhe zu lassen, alles andere bringe Unglück. Eddie Lenihan erzählte, was er von dem alten Eigentümer des Feldes erfahren hatte, wie jener Klumpen grüner leberartiger Masse am Weißdorn gefunden hatte, einem eindeutigen Beweis: Feenblut. Eddie sah es als seine Pflicht an, die Men schen im Land und ganz besonders die Straßenbauer zu warnen: »Wenn dieser Busch zerstört wird, werden die Feen sich fürchter- lich rächen: Es wird an der Stelle zahlreiche Unfälle, Verletzte, Tote geben.«

Die Geschichte vom Weißdorn von Latoon wurde von der New York Times aufgegriffen, stand danach in allen großen Zeitungen der USA und wurde auch von den Medien in Europa verbreitet. Die gewaltlose Kampagne des Mannes, der mit den Feen und Leprechauns auf Du und Du lebt, wurde ein großer Erfolg, der Feen- glaube feierte einen späten Sieg: Der Weißdorn blieb erhalten, die nationale Straßenbehörde willigte ein und führte die neue Straße nach jahrelanger Verspätung der Bauarbeiten um das Feld mit dem Namen »Lynch’s Crag« herum.

So etwas kann nur in Irland passieren, dort, wo der Feenglaube noch immer verbreitet ist.  [ . . . ]

Meine eigene Suche nach den Little People war bis heute nicht erfolgreich, man sagt, ich sei zu skeptisch. So bleibt mir, ganz am Ende den Ratschlag zu geben: Suchen Sie selbst. Kommen Sie hierher auf diese herrliche kleine Insel. Unternehmen Sie einen schönen Spaziergang, entfernen Sie sich so weit vom letzten Haus im Dorf, bis Sie dessen Fenstersprossen nicht mehr erkennen können. Setzen Sie sich auf einen Stein und warten sie. Warten Sie einfach. Halten Sie ein. Genießen Sie die Ruhe. Sie werden es nicht bereuen. Auch wenn Sie niemals einen Leprechaun sehen werden. Willkommen in Irland.”

 

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Foto: Markus Bäuchle 2019 / Wanderlust