Brutaler Mord im Dezember 1996 in West Cork. Opfer: Die Französin Sophie Toscan. Nun, über 14 Jahre später, spitzt sich einer der spektakulärsten Kriminalfälle in der irischen Geschichte dramatisch zu: Die franzözischen Justizbehörden fordern von Irland die Auslieferung des lange verdächtigten Engländers Ian Bailey per internationalem Haftbefehl – ein Richter des irischen High Court hat jetzt der Auslieferung zugestimmt.

Am 23. Dezember 1996 wurde die Französin Sophie Toscan du Plantier (Foto) in der Nähe ihres Ferienhauses bei Schull in West Cork auf brutale Weise ermordet. Der Täter hatte die 39-jährige Frau zu Tode geprügelt und ihr Gesicht mit einem 8 Kilogramm schweren Hohlblockstein zertrümmert. Alles deutete auf einen Mord aus Leidenschaft hin. Einen verurteilten Täter allerdings gibt es bis heute nicht. Nun, im 15. Jahr der Nichtaufklärung, nimmt der Fall Toscan du Plantier enorm Fahrt auf –  und in Irland munkelt man, dass die einflussreiche Familie des Opfers dafür verantwortlich ist. Die Bouniols strapazierten offensichtlich ihre engen Kontakte zu Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und zu anderen Spitzenpolitikern: Sie wollen unbedingt einen Täter verurteilt sehen.

Im Zentrum der Ermittlungen stand von Beginn an der englische Journalist Ian Bailey, der unweit der Tatorts in Toormore lebte und lebt. Der 54-jährige war an Heiligabend 1996, am Tag nach der Tat, frühzeitig vor Ort und berichtete für englische Zeitungen über den aufsehenerregenden Fall. Bailey wurde bald mehrfach von Zeugen belastet, zweimal verhaftet, doch mangels eindeutiger Beweise freigelassen und von der Hauptbelastungszeugin später sogar wieder entlastet.

FilNun drängt die franzözische Justiz, die vor drei Jahren die Ermittlungen im Fall der getöteten Staatsbürgerin aufgenommen hat, auf die Auslieferung von Ian Bailey nach Frankreich. Diesen Fall gab es noch nie in der irischen Rechtsgeschichte, und vor wenigen Tagen entschied der High Court Irlands, dass der Haftbefehl aus Frankreich akzeptiert werden soll. Der Fall ist juristisch pikant: In Irland wurde gegen Bailey mangels hinreichender Beweise niemals Anklage erhoben. Soll es die irische Justiz nun französischen Gerichten überlassen, den Briten zu verurteilen? Haben die Franzosen tatsächlich bessere Beweise, oder haben sie nur den stärkeren politischen Willen, einen Täter zu verurteilen? Und müssen nun auch andere Tatverdächtige fürchten, künftig aus Irland in ein anderes Land ausgeliefert zu werden?

Der Engländer Bailey jedenfalls hat in Irland wenige Sympathisanten. Ihm wurde von den Medien immer wieder attestiert, welch ein finsterer und unsympathischer Zeitgenosse er doch sei. Unvergessen sind nämlich die unappetitlichen Details die aus Baileys eruptiver Langzeit-Beziehung mit einer walisischen Künstlerin bekannt wurden und die unter dem Stichwort „häusliche Gewalt“ Eingang in die Gerichtsakten fanden. Nun allerdings schlagen sich die Medien aufgrund der grundsätzlichen Bedeutung des Falles eher auf die Seite des Mannes aus Manchester, der mittlerweile sein juristisches Staatsexamen gemacht hat, um sich selber so gut wie möglich zu verteidigen.

Ins Gerede kam erneut auch die irische Polizei, die Zeitungsberichten zufolge „vollständig“ mit den franzözischen Behörden kooperierte – die selber allerdings 14 Jahre lang zu keinem verwertbaren Ermittlungsergebnis gekommen war. Die irische Polizei geriet aufgrund der zweifelhaften Spurensicherung am Tatort, vor allem aber aufgrund der jahrelangen erfolglosen Ermittlungen zunehmend in die Kritik der Familie des Opfers. Der Leichnam von Sophie Toscan, geborene Bouniol, die zuletzt mit dem einflussreichen französischen Film-Magnaten und illustren Strippenzieher Daniel Toscan du Plantier ( † 2003 auf der Berlinale) verheiratet war, wurde schließlich auf Druck von Angehörigen und Freunden im Sommer 2008 in Frankreich exhumiert, um mit Hilfe neuer Methoden DNS-Spuren zu sichern. Die französische Staatsanwaltschaft schaltete sich ein und nahm eigene  Ermittlungen auf.

Vor kurzem meldete die Irish Times, dass drei neue Zeugen gegen Ian Bailey aussagen: Der Engländer habe die Unwahrheit gesagt. Er habe Sophie Toscan du Plantier sehr wohl gekannt. Ein Mann aus West Cork wird zitiert, er habe die beiden auf Cape Clear miteinander sprechen sehen. Hochinteressant erscheint die Aussage eines Kollegen der Filmproduzentin Toscan du Plantier: Guy Girard berichtete der Irish Times, dass Sophie Ian Bailey offensichtlich recht gut kannte, und dass die beiden ein gemeinsames Interesse pflegten: Sophie arbeitete damals mit dem Filmemacher Girard an einem Film über Gewalt und erzählte Girard, dass auch ein Nachbar in Irland, nämlich Ian Bailey am Thema Gewalt interessiert sei.

Nun stellt sich die große Frage: War es ein rein theoretisches oder ein ganz handfestes praktisches Interesse, das Ian Bailey verfolgte? Die Strafverfolger vom Kontinent jedenfalls scheinen entschlossen, eine Antwort auf diese Frage zu finden. Ian Bailey wird derweil dafür kämpfen, dass ihn die Franzosen nicht in ihre Fänge bekommen: Er hat beim Supreme Court Berufung gegen die Auslieferung angekündigt – und schon dieses Verfahren könnte ihm zwei bis drei Jahre Aufschub gewähren. Baileys Leben aber ist zerstört – er bleibt ein gehetzter Mensch, der komplett auf seine Rolle in einem fast 15 Jahre alten Kriminalfall reduziert wird. Daheim in West Cork nennen ihn die Leute nur den „Mann, der nie für den Mord an der Französin verurteilt wurde.“

Weitere Informationen: Irish Times

Foto: Michael L. Sheridan beschrieb den Mordfall Sophie Toscan du Plantier in seinem Buch „Death in December“ (O´Brien Press 2003). Unser Foto zeigt das Cover des Buches.