Geheime Orte Irlands. Geheimnis des Ortes.

Von |12. August 2016|2 Kommentare

Arches_IrelandWir Menschen im Westen sind aufgeklärt und zunehmend entzaubert. Wir schaffen die Geheimnisse ab. Wir wissen sogar ziemlich genau, wie die Liebe funktioniert. Reine Chemie.  Ein bisschen Dopamin und Testosteron, Oxytocin oder Vaspressin,  am Ende noch mehr Dopamin und Serotonin — das sind die Stoffe der Verliebtheit, der Treue und der Trennung. Wir sind fast so, wie wir uns Gott vorstellen. Wir lenken unser Leben — zumindest bis es auf Autopilot stellt.

ArchesWas ist ein Leben ohne Geheimnisse? Ohne Rätsel, ohne geheime Orte? Ohne Zufälle und Zufallsfunde? Die Welt ist längst bis auf den letzten Quadratmeter vermessen. GPS-Koordinaten lassen uns am Bildschirm finden, was wir noch nicht einmal gesucht haben. Wir leben auf 52.7306852, -9.6089011 oder auf 52°43’50.5″N 9°60’32.0″W. Wir müssen noch nicht einmal mehr vom Bildschirm aufsehen oder aussteigen, um einen Ort zu “erkunden”.

Brandungstor_P1040072Nur wenige Orte in Westeuropa widersetzen sich noch der digitalen Komplettaufzeichnung und der permanenten Überwachung. In Irlands Westen gibt es noch Landschaften, in denen nicht jeder Stein schon dreimal umgedreht und viermal fotografiert wurde.  Orte, die zuletzt vor einigen hundert Jahren begangen wurden, Plätze, deren Historie bis heute nicht dokumentiert ist. Darf man das offenbaren?

Brandungstor_P1040082Was eigentlich macht einen Ort zu einem Ort mit Bedeutung? Bis vor kurzem war es seine Geschichte oder zumindest eine Geschichte: Der Ort hat sozusagen etwas “erlebt”.  Jemand hat in der Vergangenheit zum Beispiel eine Entscheidung getroffen, den Ort zu bebauen: mit einem Steinkreis oder einer Kirche, einer Wohnstätte vielleicht. Oder Gegner haben sich an einem Ort zu einer Schlacht getroffen. Oder Menschen erkannten die günstige Lage eines Ortes an der Furt des Flusses. Die Fruchtbarkeit der Erde. Oder . . .

Brandungstor_P1040064Heute im Zeitalter von Internet und Geocaching reicht es aus, dass Jäger der digitalen Schnitzel irgendwo in einem Wald oder an einem Flussufer ein kleines Versteck, einen sogenannten Cache anlegen und dessen Koordinaten im Web hinterlegen. Schon bahnen Geocacher ganz neue Pfade durch die Landschaft und geben Orten eine gänzlich andere Bedeutung. Ein bislang völlig unbedeutender Ort kann inerhalb von Monaten Ziel von zahlreichen modernen Schatzsuchern werden. Derweil wird die Bedeutung, die Geschichte anderer Orte nicht mehr überliefert und vergessen. Mit der Geschichte kann der Ort in Vergessenheit geraten oder er wird mit einer anderen Bedeutung aufgeladen.

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Manche Orte bewahren ihr Geheimnis. Sie bleiben unerkannt als Ort und schon gar als Ort mit Bedeutung. Oder sie geben nur Hinweise für Eingeweihte, für Feinfühlige, Sensible, die das Kribbeln im Bauch, in den Fingern oder in den Füßen wahrnehmen können.

Manchmal ist das Geheimnis eines Ortes auch nur eine ganz individuelle, ja persönliche Angelegenheit. Denken wir an den Ort, wo wir erste Küsse getauscht haben, down in the hollow, all along the waterfall, in the green grass behind the stadium. Nichtwissen kann für Geheimnisse des Ortes verantwortlich sein — und die richtige Information sorgt letztendlich dafür, dass wir ein Geheimnis lüften können. Ein Geheimnis, das gelüftet wurde, ist dann leider keines mehr, und aus Geheimtipps werden leicht Attraktionen. Der Tourismus etwa verwandelt systematisch unbekannte in vielfrequentierte Orte — das Prinzip der Nachhaltigkeit im Tourismus funktioniert in etwa so gut wie das qualitative Wachstum in der Weltwirtschaft.

Über manche Orte wird man also schweigen. Ein elitärer Ansatz? Vielleicht. Vielleicht aber auch Respekt für den Selbstwert der Natur, für Landschaft, die sich bislang dem Verwertungszwang des Nutzwertdenkens entzogen hat.

In Jahrmillionen hat der Atlantik den alten Sandstein an der Küste Südwest-Irlands bearbeitet und geformt. Er hatte unendlich lange Zeit und schuf bizarre Formationen. Ich brauchte immerhin 14 Jahre Leben ganz in der Nähe, um die alten Brandungstore am wilden Atlantik erstmals zu sehen (Mein Sohn C. zeigte sie mir). Sie liegen nur durch ein unscheinbares Gartentor und einen Spaziergang von der Hauptstraße entfernt. Ein geheimnis-umwitterter Ort, den ewigen Gewalten des Wassers und des Windes seit Menschengedenken und viel, viel länger ausgesetzt. Ohne große Bedeutung. Ohne Zweck. Berauschend schön. Noch.

Wir sind nicht mehr allzu weit von einem Zustand entfernt, den der Psychologe C. G. Jung schon vor fast 100 Jahren erreicht sah:

“Das einzig lebenswerte Abenteuer

kann für den modernen Menschen

nur noch innen zu finden sein.”

(e120814)

Autor(in) dieses Beitrags:

Markus Baeuchle
Autor, Journalist und Wanderer. Lebt in Glengarriff im Südwesten Irlands. Mit Markus und seiner irischen Outdoor-Firma Wanderlust können Sie Irlands faszinierende Natur von den schönsten Seiten zu Fuß erleben.

2 Kommentare

  1. Sandra Diesten 3. November 2014 um 9:08 Uhr - Antworten

    Nicht nur die Bilder sind sehr anspruchsvoll, sondern auch der Text. Schön, dass es noch Personen gibt, die so über geheimnissvolle Orte denken. Ich glaube jeder hat einen Ort, an denen alte Erinnerungen oder auch Wünsche wieder hoch kommen.

  2. Tina 13. August 2014 um 10:25 Uhr - Antworten

    Ein Bericht der nachdenklich stimmt .

    Wobei ich glaube , jeder hat solch Orte oder einen Ort ,welcher für ihn was ganz besonderes ist oder eine tiefere Bedeutung hat. Für jemand Fremden würde dieser Ort wohl nichts hergeben oder nichtssagend sein. Diese Orte muss man sich bewahren, die braucht/sollte man auch nicht teilen, weder auf twitter,Facebook ect. wie es ja so schön Mode ist.( ich nenne es immer Seelenstriptease…) Und wenn es ein Ort mit Naturschönheiten oder schützenswerten Gegebenheiten ist, umso wichtiger es nicht jedem zu erzählen. Geheimnisse machen das Leben erst Spannend !!

    Gruß Tina

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