Irische Weihnachts-Tradition: Wenn der Atlantik ruft

Von |24. Dezember 2018|0 Kommentare

Christmas Swim Glengarriff: Der mutige Schritt . . .

Irische Weihnacht: John O’ Sullivan ist der Bauingenieur in unserem kleinen Dorf Glengarriff im County Cork. Wer ein Haus bauen will, einen Anbau plant, oder die Klärgrube auf den aktuellen Stand der Technik bringen muss, geht zu John. John ist ein bis zwei Kopf größer als seine Zeitgenossen, deshalb kennen ihn alle im Dorf als Long John. Mit dem gleichnamigen Bekleidungsstück für kalte Tage hat Long John indes gar nichts zu tun, im Gegenteil.

Der passionierte Radfahrer hat in Glengarriff im Jahr 1987, also vor drei Jahrzehnten, den beherzten Sprung in den winterlichen Atlantik eingeführt. Zusammen mit einem Freund ging es am ersten Weihnachtstag nach einer feucht-fröhlichen Nacht mehr oder weniger nahtlos zur Reaktivierung der Lebensenergien vom Pier in den noch feuchteren Atlantik: Das Weihnachtsschwimmen von Glengarriff war erfunden.

 

An Zuschauern fehlt es nicht beim Weihnachts-Schwimmen

 

John hat den Christmas Swim in Glengarriff begründet, erfunden hat er ihn nicht: Denn in den 80-er Jahren gingen auch andernorts an den Kaimauern und Stränden Irlands schon abgehärtete Männer und Frauen an Weihnachten der Tradition folgend ins kalte Wasser. Das Foto zeigt Weihnachtsschwimmer am 25. Dezember 1980 im Forty Foot in Sandycove, Dublin.

 

Aufnahme vom Weihnachtsschwimmen im Foty Foot Sandycove, Dublin im Jahr 1980 von RTÉ (Klick führt zum Film)

 

Wer öffentlich unter Beweis stellen will, wie mutig, abgehärtet und wetterfest er oder sie ist, kommt in Glengarriff auch drei Jahrzehnte nach dem Ur-Sprung immer am ersten Weihnachtstag, nach Bescherung und Kirche und vor dem großen Weihnachts-Schlemmen, also gegen 12:30 Uhr, ans Pier. Der Christmas Swim gehört zum festen Bestandteil der Feierlichkeiten wie die Bescherung für die Kinder.

20 bis 30 kälteunempfindliche Irinnen und Iren, unterstützt von ein bis zwei Deutschen und genauso vielen Engländern stürzen sich dann unter dem johlenden Beifall des vielköpfigen Publikums von der Kaimauer – fünf Meter tief hinunter ins eiskalte Wasser. Dann klettern sie die Stahlleiter an der Kaimauer hoch und drehen eine zweite oder dritte Runde. Am Ende gibt es zur Belohnung viele anerkennende Worte, Schulterklopfen und einen Hot Whiskey.

 

Glengarriff Pier, 25. Dezember: Christmas Swim.

 

Der Christmas Swim von Glengarriff ist eigentlich ein alternativer Kurz-Triathlon:  Springen, Schwimmen, Rausklettern. Unterstützung bekommt der Lange John regelmäßig von anderen Dorfgrößen, etwa von Pat O´Shea, dem Betreiber des Sparladens, vom Ortsarzt Jeremy Cotter und Frau Aisling (Kaltbaden ist gesund!) und von ein paar Nachwuchskräften. Die deutschen Farben vertritt würdig einer der ohnehin härtesten Burschen der Region. Stefan (der Mann mit der hellblauen Bademütze) schwimmt jeden Tag jahrein, jahraus frühmorgens im Meer und sieht den Weihnachts-Schwimm eher als gemütliches Späßchen.

 

Mit einem Kopfsprung ins kalte Vergnügen

 

Warum sich Leute zur Feier des neu geborenen Kindes in kaltes Meerwasser stürzen? Viel Geld zum Unterhalt von Schulen, Sporthallen oder Gemeindehäusern, wird in Irland bei Charity-Veranstaltungen gesammelt. Die einen schwimmen und lassen sich feiern, die anderen schauen zu, zahlen für die Gaudi und bekommen noch einen heißen Whiskey obendrauf. Die Einnahmen fließen auf das Konto zum Unterhalt der Gemeindehalle, zur Pflege des Football-Platzes oder zur Unterstützung hilfsbedürftiger Menschen. Das ist Weihnachten in Irland – am Ende gibt es nur Gewinner.

 

Geschafft: Zur Belohnung gibt es ein Heißgetränk

Vielerorts in Irland wird jetzt geschwommen – auch in Dingle

 

Ob in Salthill in der Galway Bay, in Kilkee im County Clare, am Rosses Point in Sligo, in Rosslare im County Wexford, in Derrynane im Kingdom of Kerry, in Greystones in Wicklow oder in Clontarf, Dublin: Am 25. Dezember gehen die wetterharten Irinnen und Iren besonders gerne bade.

 

Irlandsnews-Gastautorin Nicola hat die mutigen Weihnachtsschwimmer, die nun vielerorts für einen guten Zweck ins Wasser gehen, an ihrem Lieblingsort in Irland, auf der Dingle Peninsula, beoabachtet. Nicola machte sich Gedanken, wie man und frau diese Mutprobe möglichst schadlos überstehen. Hier ihr Bericht:

 

Sooo kalt. Schnell raus!

“Wie an vielen anderen Küsten auch, fühlen auf der Dingle-Halbinsel um die Jahreswende herum manche Menschen den unwiderstehlichen Drang, sich in kaltes Winter-Atlantikwasser zu stürzen (und auch wieder herauszukommen). Diese Neigung ist mir völlig fremd, übt aber eine gewisse Faszination auf mich aus. Immerhin gehe ich ja auch in die Sauna, wo ist da der Unterschied, könnte man fragen. Ich würde antworten: Es ist ein großer Unterschied, ob ich aus 90 °C Hitze in 10 °C kaltes Wasser im sogenannten Eisbecken springe, oder ob ich mich aus einer kalten Umgebung in ein kaltes Wasser bewege, dessen Oberfläche meinen Körper erst nach und nach bedeckt. Plus kalter, nasser Boden und kalter Wind und kalte Spritzer  vorab . . .

Die Leute von Dingle beleben auch dieses Jahr ihre “coolste Weihnachtstradition” und zelebrieren ihren Christmas Day Swim am ersten Feiertag am Strand von Beenbawn, an der Ausfahrt des Dingle Harbour. Die Wassertemperatur dürfte tatsächlich unter zehn
Grad liegen, aber es werden wieder “large crowds” erwartet – genaue Zahlen liegen nicht vor. Natürlich wird der Startschuss nicht vor halb eins gegeben, damit die Kirchgänger/innen keinen Stress bekommen, und hinterher gibt es eine heiße Suppe. Bei der Gelegenheit wird auch Geld für einen guten Zweck gesammelt, dieses Jahr fiel die Wahl auf Autism Ireland. Würde ich in der Nähe leben, würde ich mir das sicher anschauen…

Falls jemand Lust hat, am heimischen Strand oder Flussufer ein ähnlich cooles Erlebnis durchzuführen, hier die einschlägigen Tipps der Veranstalter:

:: In den Stunden vorher viel dicke Kleidung tragen, um den Körper richtig aufzuheizen.

:: Eine Stunde vorher etwas warmes Zuckerwasser trinken.

Nach dem Sprung: John O`Sullivan

:: Mütze und Handschuhe mitbringen, besonders für hinterher.

:: Möglichst wenig mit nassem Sand und kalten Steinen in Berührung kommen, so lange wie möglich auf einem Handtuch stehen.

:: Die Kleider erst im letzten Moment ablegen.

:: Nach dem Verlassen des Wassers von oben nach unten anziehen (zuerst die Mütze auf), und die Füße auf etwas Trockenes stellen.

:: Für Kinder: warme Kleidung und warme Getränke, wie heißen Fruchtsaft. Kinder haben wenig Temperaturgefühl und merken nicht, wenn sie kalt werden, daher gut darauf achten, dass sie es den Rest des Tages richtig warm haben.”

 

Fotos: Markus Bäuchle (außer Nr. 3 von oben: RTÉ). Die Fotos stammen aus 14 Jahren Christmas Swim.

 

 

 

 

 

 

 

Autor(in) dieses Beitrags:

Markus Baeuchle
Autor, Journalist und Wanderer. Lebt in Glengarriff im Südwesten Irlands. Mit Markus und seiner irischen Outdoor-Firma Wanderlust können Sie Irlands faszinierende Natur von den schönsten Seiten zu Fuß erleben.

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