Castletownbere: Ein Ort kämpft um die Zukunft

Von |23. Dezember 2018|1 Kommentar

 

Beara

Castletownbere vor Weihnachten 2018

Vorweihnachtliche Schein-Idylle in Castletownbere, Beara Peninsula. Der Schein-Frieden trügt. Das Städtchen im äußersten Südwesten Irland ist im Aufruhr. Durch die Community zieht sich ein tiefer Riss. Es geht um die Zukunft.  Was soll der Zentralort der Beara-Halbinsel künftig sein, was soll er bieten, wenn soll er beheimaten, wem soll er dienen und wie soll er aussehen? Daran scheiden sich in Castletown die Geister. Jahrzehntelang bewegte sich im Örtchen mit der größten Fischereiflotte für den Weißfischfang in Irland so gut wie nichts. Die kleine Stadt mit knapp 900 Einwohnern wirkt etwas aus der Zeit gefallen, an manchen Ecken niedlich und nostalgisch, an anderen ein wenig trostlos oder leicht verwahrlost. Die Stadt hat sich nicht sehr verändert, der Verkehr und das Geschäftsaufkommen am Hafen schon.

 

Die Ortsdurchfahrt von Castletownbere nach Geschäftsschluss

 

Die Auto- und Lkw-Kolonnen schieben sich tagsüber im Schritt-Tempo durch die enge Ortsdurchfahrt. Auf dem zentralen Platz im Ort und vor dem großen Supermarkt herrscht permanentes Verkehrschaos. Auch am Hafen dominieren Platz- und Funktionsmangel. Allerdings: Das Chaos funktioniert tagein tagaus und hat eine heimliche innere Ordnung.

Das alles soll sich nun ändern. Eine 23,5 Millionen Euro teure Modernisierung und Erweiterung des Hafens ist in vollem Gange. Das Glasfaser-Hauptkabel für super-schnelles Internet hat den Ort an der Peripherie bereits erreicht. Ab dem kommenden Jahr soll Castletown endlich ein neues Wassernetz und eine Kläranlage (!) erhalten. Zudem soll der Square, der Zentralplatz umgebaut und zeitgenössisch gestaltet werden, die Verkehrsführung soll durch Einbahnstraßenregelungen und die Verlegung der Parkplätze auf Stand gebracht werden. Mit einer Umgehungsstraße planen die Behörden, den Ortskern vom Durchgangsverkehr zu entlasten.

Der Entwicklungsverein des Ortes, die Castletown Development Association will aus Castletown eine moderne Community machen, die sich neben der Fischerei stärker für den Tourismus, für die Digitalisierung und moderne Dienstleistungen öffnet. Neu-Ansiedlungen wie der in wenigen Wochen an den Start gehende Co-Working Hub für Start-ups, lokale Geschäfte und Digital Travellers könnten dem Fischerei-Städtchen wichtige Impulse geben. Das alternative Business-Zentrum, das die beiden deutschen Entrepreneurs Jürgen Jerom Jansen und Felicitas Gross aufbauen, bietet 20 moderne digitale Arbeitsplätze mit kompletter Infrastruktur bis hin zum eigenen Café (White Room).

Mitglieder der Development Association finden Gefallen an den Plänen, die man im County Council im fernen Cork für Castletown entwickelt hat. Der Gegenwind bläst aus einer anderen Richtung: Die lokale Geschäftswelt, vor allem der in der Hauptstraße und um den Square angesiedelte Einzelhandel, laufen Sturm gegen die Neugestaltung des Ortskerns. Vor allem die geplante Neuregelung des Verkehrs und die Neugestaltung des Squares stoßen nun auf erbitterten Widerstand. Die Geschäftsleute befürchten, dass dem Ortskern mit den geplanten Eingriffen der Garaus gemacht wird, dass die Geschäfte durch eine Entvölkerung des Ortskerns und eine Verlegung der Parkplätze an die Peripherie um ihre Existenz gebracht werden.

Die opponierende Geschäftswelt hat sich in der Gruppe Concerned Businesses Association organisiert und stemmt sich kurz vor Ende der Planungsphase mit Macht gegen den Modernisierungs-Plan der Grafschaftsverwaltung. In einer ganzseitigen Zeitungsanzeige im Lokalblatt Southern Star fordert das Establishment jetzt das volle Mitspracherecht bei der Lösung der Verkehrsprobleme im Ortskern. Die besorgten Einzelhändler und Geschäftsleute erheben den Vorwurf, in die Planung nicht einbezogen worden zu sein. Zwar gab es in den vergangenen Jahren ein paar Versammlungen und Aufforderungen, Bedenken vorzutragen, doch von gelungener Bürger-Partizipation zu sprechen, wäre eine krasse Übertreibung.

 

Castletownbere: An manchen Ecken leicht trostlos

 

Weil die irischen Städte und Gemeinden keine kommunale Selbstverwaltung haben, keine gewählten Gremien, keine lokalen Entscheidungsprozesse und kein eigenes Budget, weil die lokale Politik für Castletown in der 120 Kilometer entfernten Hauptstadt Cork und nicht vor Ort gemacht wird: Aus all diesen Gründen fühlen sich die Menschen von den einsamen Entscheidungen des County Councils oft übergangen. Allzu oft aber kommen sie mit ihren Forderungen nach Mitspracherecht spät, allzu spät, am oder nach Ende des Genehmigungsverfahrens.

Das Thema Zukunft hat die Bevölkerung im Ort mittlerweile in Lager gespalten. Die Spannungen entladen sich sogar in familiären Auseinandersetzungen und in persönlichen Anfeindungen. Der Riss wird selbst in den Pubs spürbar. Nach der Weihnachtspause wird der Kampf um die Zukunft von Castletownbere weiter gehen. Wohin er wohl führt und wie die Perle Bearas am Ende aussehen wird?

A happy and prosperous New Year, Castletownbere!

 

Alle Fotos: Markus Bäuchle

 

Autor(in) dieses Beitrags:

Markus Baeuchle
Autor, Journalist und Wanderer. Lebt in Glengarriff im Südwesten Irlands. Mit Markus und seiner irischen Outdoor-Firma Wanderlust können Sie Irlands faszinierende Natur von den schönsten Seiten zu Fuß erleben.

Ein Kommentar

  1. Peter Bernhardt
    Peter Bernhardt 3. Januar 2019 um 9:15 Uhr - Antworten

    Da hat Markus einen sehr gut recherchierten Lagebericht über den Zustand eines verschlafenen Städtchens geschrieben.
    Als wir vor über 30 Jahren die Beara-Halbinsel entdeckten und uns spontan verliebten, haben wir recht schnell die Stärken und Schwächen dieses Hauptortes auf dieser Halbinsel herausgefunden. In vielen Punkten hat er noch etwas von der „guten-alten-Zeit“. Etwas, was die Touristen so lieben. Den Geruch vergangener Zeiten. Die Ruhe und Gelassenheit, die anderswo längst verloren gegangen sind und eine entwaffnende Freundlichkeit gegenüber Jedermann.
    Nur die Eiligen können sich nicht so recht anfreunden, mit der Langsamkeit, den „Falsch-Parkern“ und den Menschen, die gerne mitten auf der Straße einen Bekannten treffen und mit ihm Neuigkeiten austauschen wollen.
    Auch schon vor unserem Auftauchen auf der Beara Halbinsel – vor 30 Jahren – wurde das zunehmende Verkehrs-Aufkommen registriert und diskutiert und nach Löungen gesucht. Alle Vorschläge wurden recht schnell verworfen, weil nicht praktikabel. Nur die naheliegende Lösung konnte nicht verwirklicht werden, weil der Hafen – von dem man einen Streifen für eine Umgehung des Stadtkerns benötigte – dem Marine-Ministerium gehört und die sich nichts wegnehmen lassen wollten. Das hat sich jetzt zum Glück geändert.
    Und so kämpfte Paddy, der Schulbusfahrer, sich über 40 Jahre durchs „Zentrum“ und mußte sich viele, viele Male schwarz-ärgern, weil so mancher Autofahrer mit seinem Gefährt nicht so umgehen konnte, wie man es heute von Menschen erwartet, die eine ordentliche Fahrschule mit Abschlußprüfung gemacht haben. Es gab nämlich Zeiten, da hat man sich einen Führerschein kaufen können.
    Und oft weiß auch ich nicht, ob ich mich ärgern soll, oder ob mir die Gelassenheit nicht doch ein Stück entgegen kommt. Seit vielen Jahren beobachte ich zum Beispiel, wie Autos gegenüber vom SuperValue an Stellen parken (siehe Foto), wo normalerweise eine Kreuzung ist und Autofahrer nur sehr eingeschränkt nach links zum Hafen abbiegen können, obwohl nur 20 oder 30 Meter weiter genügend freie Parkplätze vorhanden sind. Selbst die Polizei drückt da beide Augen zu. Offensichtlich ist das Parken an dieser Stelle Gewohnheitsrecht. Ich hab auch schon einen Polizisten gesehen, der sich in ein falsch-parkendes Auto gesetzt und es aus dem Kreuzungsbereich gefahren hat. In Castletown Berehaven gehen die Uhren eben doch noch ein klein wenig anders und das kann auch Lebensqualität bedeuten.

    Vor dem SuperValue in Castletownbere

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