Traumbild von C.G. Jung aus dem Roten Buch

Die Tage zwischen den Jahren, in der Zeit außerhalb der Zeit, sind wertvolle Tage, um die Zeichen zu deuten, nachzudenken, Wege in die Zukunft zu erkennen. In den vergangenen Tagen fragte ich mich genauer als sonst, was die Mitmenschen in unserer Wahlheimat eigentlich besonders tief geprägt hat. Was steckt hinter der sprichwörtlichen Alltags-Freundlichkeit? Hinter der No-Worries-at-all-Mentalität und der Konfliktscheuheit? Woher rühren die Obsessionen nach Land, Spiel und Rausch, woher kommt das Phänomen Begrudgery, diese unverkennbar irische Variante von Neid und Missgunst? Die Spuren führen in die jüngere Vergangenheit. Die Zeit nach der Unabhängigkeit, als gar nichts gut war . . .

Wie lang sind 100 Jahre? Von 1916 bis 1922, vor weniger als 100 Jahren, erkämpfte sich das bettelarme Irland eine Art von politischer Unabhängigkeit vom alten Dauer-Besatzer und Kolonisator Großbritannien, begann das Projekt eines eigenen irischen Staates. Vor weniger als zehn Jahren wurde die Insel-Republik als reichstes Land Europas bewundert. Im vergangenen Frühjahr, die Irinnen und Iren hatten sich in einer Volksabstimmung deutlich für die Anerkennung der gleichgeschlechtlichen Ehe entschieden, feierte die Welt Irland als das liberalste und fortschrittlichste Land Europas.  In weniger als einem Jahrhundert vom Kolonialgefängnis und Armenhaus zum freiheitlichen Vorzeige-Wohlstandsland — geht das?

Ja und nein. Oberflächlich betrachtet, scheint dies in weniger als 100 Jahren gelungen zu sein. Schaut man genau hin, dominieren die Zweifel. Das politische System funktioniert auf der Grundlage einer veralteten Verfassung von 1838 mehr schlecht als recht. Weit verästelte Korruption prägt die Politik. Die Wirtschaft ist weitgehend eine von den US-Multis Geliehene. Der Reichtum der Celtic-Tiger-Jahre war nicht viel mehr als ein Strohfeuer. Die Ungleichheit der Chancen ist die größte weltweit. Das überwältigende Ja zur Homo-Ehe — wer die Einstellung vieler Iren zur Homosexualität wirklich kennt —  kann nur als Protestwahl gegen die über lange moralische Bevormundung durch die katholische Kirche verstanden werden. Eine freiheitliche Zivilgesellschaft ist wohl anders. Anders als Irland ruht eine freie Zivilgesellschaft in sich und in den verarbeiteten Erfahrungen der vergangenen Jahrhunderte. Freiheit ist nicht gemeint als Freiheit, alles über Bord werfen zu dürfen, um plötzlich etwas ganz anderes als bisher sein zu wollen.

Irlandnews.comAlles gut nach der Unabhängigkeit? Ich habe den Beginn der irischen Unabhängigkeit in den 20-er Jahren lange ein wenig naiv als bedeutsame Kehrtwende verstanden. Erst allmählich wurde mir klar, dass sich in den folgenden Jahrzehnten gar nicht so viel änderte im Alltag der Menschen auf der Insel. Vor allem aber implodierte die irische Gesellschaft nach dem Rückzug der Engländer erst einmal und glitt im Sommer 1922 ab in den Bürgerkrieg, einen brutalen Bruderkrieg, der tiefere psychische Wunden hinterließ als die Jahrhunderte währende Fremdherrschaft. Danach blieb die Abhängigkeit von den Briten auf wirtschaftlicher Ebene weitgehend bestehen. Hinzu kam nun die Unterdrückung durch eine (mit Hilfe der alten Besatzer) zur kulturhegemonialen Macht aufgerüsteten katholischen Kirche. Eine Phalanx aus Kirche, Politik und Polizei zeigte dem Volk die Grenzen auf — und die informell noch immer mächtigen Landlords mischten weiter kräftig mit. Ex-Besatzer und Katholische Kirche, Politik und Ordnungsmacht bildeten die neue unheilige Allianz. Es war eine rigide, eine bleierne Zeit, eine Zeit des Zwangs, der Gehirnwäsche und der inneren Unfreiheit. Manche Iren sprechen heute von Kirchen-Stalinismus.

Die Befreiung aus den inneren individuellen Zwängen und die Entwicklung einer liberalen und offenen Gesellschaft gelang allmählich mit der wirtschaftlichen und politischen Öffnung und dem wachsenden Wohlstand im späten 20. Jahrhundert. Doch die extremen Erfahrungen der Wohlstandsjahre der Naughties, die Exzesse des Celtic Tiger und der bodenlose Absturz in die Wirtschaftskrise im Jahr 2008 raubten einer ganzen Generation den Kompass für die Zukunft und die Werte-Orientierung.

Das heutige Irland zeigt sich hinter den sorgsam gepflegten Trugbildern als ein Land der Extreme und der extremen Ausschläge. Die jüngere Geschichte gleicht einer Achterbahnfahrt. Sie schuf ein nervöses Land mit einer verunsicherten Bevölkerung. Vor kurzem unterhielt ich mich mit einem erfahrenen irischen Psychotherapeuten der Jung’schen Schule. Der Mann legt nicht nur einzelne Menschen auf die Couch, er beschäftigt sich auch mit dem Zustand der irischen Gesellschaft — und seine Diagnose über die eigenen Landsleute ist beunruhigend. Die unverarbeitete Vergangenheit laste schwer auf vielen Menschen. Die Auswüchse der Celtic-Tiger-Jahre hätten Menschen vollends aus der Balance geworfen. Der Jungianer analysiert einen Gutteil seiner Landsleute als innerlich im Ungleichgewicht, als dauer-berauscht und nicht geerdet, als durch leere Beredsamkeit von sich selbst ablenkend, als zu mutlos und uncouragiert, um sich selber mit den Wahrheiten des Lebens zu konfrontieren.  Viel Arbeit also aus der Sicht des Psychologen (allerdings lässt sich diese Diagnose leicht auf viele Kontinental-Europäer ausweiten . . . ).

Wie weiter? Der hier vor kurzem zitierte irische Historiker Diarmaid Ferriter wünscht sich, dass das Lernen aus der eigenen Geschichte möglich wird. Das könnte zum Beispiel bedeuten, dass es den Menschen auf der Insel gelingen wird, die heraufziehende Version 2.0 eines neuen Celtic Tigers entschieden zurück zu weisen, einen massen-hysterischen unbalancierten nächsten Wirtschaftsboom zu vermeiden und statt dessen ein stabiles inneres und äußeres Gleichgewicht anzustreben. Das allerdings hieße, die eigene widersprüchliche Vergangenheit zu verstehen und anzunehmen. Und das benötigt Zeit, viel Zeit.

Wie lang sind 100 Jahre? Let´s wait and see . . .

Jimmy's Hall, film

Jimmy´s Hall: Ein Blick in das Irland der 30-er Jahre

PS: Wie es in den Kinderjahren des jungen irischen Staates, in den eher dunklen 30-Jahren in Irland ausgesehen haben könnte, versuchen Filme wie Jimmy´s Hall oder Dancing at Lughnasa auszumalen. Vor allem der Film des Regisseurs Ken Loach, der auch das beeindruckende Bürgerkriegs-Drama The Wind That Shakes the Barley gedreht hat, vermittelt einen guten Eindruck von den Machtverhältnissen und der kulturellen Intoleranz jener Jahre. 

Jimmy’s Hall ist ein Spielfilm des britischen Regisseurs Ken Loach aus dem Jahr 2014. Der Film spielt in den 1930er Jahren in Irland und handelt vom Kampf des irischen politischen Aktivisten Jimmy Gralton gegen die Bevormundung und Ausbeutung durch Kirche und Großgrundbesitzer. 1932 kehrt Jimmy Gralton nach 10 Jahren in den USA wieder nach