Endlich Local? In diesem Frühjahr adelte mich einer der Dorf-Ältesten (Kategorie: alter weißer irischer Landmann) als einer der Ihren und uns als Locals (Einheimische), die nach 20 Jahren permanenter Bodenhaftung in der Wahlheimat im irischen Dorf den Status Blow-in (Hereingeschneite) ablegen dürften. Der freundlichen und leicht gönnerhaften Eingemeindung folgte wenige Tages später die brutal scherzhaft vorgetragene Einordnung eines zweiten Dorf-Ältesten, ich sei doch „The German with the f***ing green ideas“, sinngemäß der Deutsche mit den verf***ten grünen Ideen. Wie immer ging es um das Wir und das Ihr, das Eigene und das Fremde, das Dazugehören und das Ausgeschlossen bleiben, dieses Mal nicht nur im Subtext der Gespräche.

Das grüne Pradadoxon: Dort, wo die Welt noch grün und die Natur noch einigermaßen in Ordnung ist, gleicht das Umweltbewusstsein der Einheimischen einem allenfalls schüchtern und zart keimenden Pflänzchen. Es ist hier schwer zu vermitteln, dass die Rückständigkeit bei der Naturzerstörung der Vorteil der Zukunft sein wird. Man will hier doch auch erst mal in vollen Zügen wachsen und „entwickeln“. Das Andere, das Andersartige, das Fremde toleriert man hier jedoch wohlwollender als in anderen ländlichen Gegenden Europas, solange es das eigene Leben nicht beeinflusst. Die Maxime „Leben und leben lassen“  wird hier tatsächlich vorbildlich praktiziert, solange man sich aus dem Weg gehen kann und solange die kontroversen Diskussionen folgenlos bleiben.

 

Die beiden Bescheide der weißen alten Dorfmänner von West Cork  haben ihre Wirkung auf mich, der gerne auf dem Zaun sitzt und mit beiden Seiten innig spricht und diskutiert, nicht verfehlt. Ich habe darüber nachgedacht.

::  Auf der Herkunft-Seite des Zauns, so mein Fazit, haben zwar viele Menschen eine fortschrittliche grüne Haltung und Meinung, doch was nützt diese, wenn sie mit Tatenlosigkeit und fehlender Bereitschaft gepaart ist, das eigene Leben gemäß der grünen Einsichten auch zu ändern. Wie sagte Jürgen Trittin gerade: Was den Amerikanern die Waffen, sind den Deutschen die Autos.

::  Auf der Wahl-Seite des Zauns sind die verf***ten grünen Ideen wichtig – auch wenn sie von Menschen geäußert werden, die nicht seit 80 Generationen am Ort leben – und sie werden nach und nach mehr Gehör finden, nicht nur durch den zunehmenden Druck, den die zunehmend zerstörte Umwelt auf die Menschen ausübt. Die jungen Menschen hier begreifen besser, worum es geht. Im Sinne einer inklusiven Ortsverbundenheit haben wir alle, die an einem Ort leben und arbeiten, die Verantwortung für diesen Ort und die Pflicht, diesen Ort und die Gemeinschaft  lebendig, lebensfördernd und lebenswert mit zu gestalten.

 

Rückblick: Ich habe mich vor zwei Jahren hier auf Irlandnews schon einmal mit dem Thema beschäftigt. Damals ging es um die Auseinandersetzung mit der verheerenden Praxis der von Menschen absichtlich gelegten Landschaftsfeuer. Hier noch einmal der Beitrag vom 25. April 2017:

 

Irland den Iren? Im Beitrag „Die Schande leuchtet. Irlands Berge brennen“ habe ich die Tradition der regelmäßig von Schaf-Farmern gelegten Berg-Feuer, die Untätigkeit von Polizei und Regierung, sowie das systematische Wegschauen der einheimischen Bevölkerung kritisiert. Neben dem gewohnten kritikähnlichen Gegrunze volkstümelnder Schatten-Existenzen fiel mir in der Online-Diskussion der Satz von Jutta D. auf Facebook auf:

Irland gehört den Iren, da haben wir uns mit unseren deutschen Ansichten herauszuhalten. Umgekehrt wollen wir ja auch keine Einmischung.

Den ersten Teil des Satzes hätte ich vor zehn Jahren vielleicht auch noch geschrieben – den besserwisserisch vortragenden Deutschen im Pub vor Augen, der den vermeintlich doofen Einheimischen eben mal die Welt erklärt und ihnen sagt, wo der Hammer hängt und wie die Welt so läuft. Also: Irland den Iren? Maul halten? Zuschauen?

Irland von oben. Foto: nasa

Zehn Jahre später, nach 17 Jahren Leben und Arbeiten in Irland hat sich meine Sicht verändert. Wir sind ein Teil dieser Insel-Community geworden, wir haben hier unsere Kinder erwachsen werden sehen, wir sind gut informiert, engagiert, wir tragen unseren Teil zum Leben in der Gemeinde bei – und wir bezahlen unsere Steuern und Abgaben hier. Als Europäer, als in Irland lebende Deutsche –  dazu mit italienischen, österreichischen, schweizerischen, französischen und deutschen Wurzeln – haben wir das Recht, in unserer Wahlheimat an Lokal- und Europa-Wahlen teil zu nehmen. Dass wir noch von nationalen Wahlen ausgeschlossen sind, ist eine andere Geschichte und eigentlich ein Skandal.

Wenn Irlands Weiden und Berge aus einseitigen finanziellen Interessen oder aus reiner Gewohnheit Jahr für Jahr abgefackelt werden, wenn zigtausende Tiere sterben, hunderttausende Pflanzen und Bäume verbrennen, wenn die Berge veröden und verkarsten, wenn massive Rauchwolken die Atemluft verschmutzen – dann geht es um unser aller Lebensgrundlagen, und um die unserer Kinder. Dann haben wir als Zugegzogene, als Blow-ins, das ganz besondere Recht und die Pflicht, uns zu äußern und klar Position zu beziehen.

Die Zeiten, als es das Fremdenrecht gab, als der Gast im Ort eine nahezu rechtlose Sonderstellung hatte, sind vorbei. Wir leben in Europa und wir arbeiten Tag für Tag an einem Europa der Menschen, das mehr Sinn macht und mehr Verständnis zwischen Menschen schafft als das seelenlose Finanz- und Wirtschafts-Europa der sogenannten Eliten.

Natürlich trifft man – neben vielen offenen Gemütern – auch eine Menge Irinnen und Iren, die sich jegliche Einmischung in die „inneren Angelegenheiten“verbitten. So wurde ich kürzlich von einem irischen Gastronomen belehrt, wir (Deutschen) müssten den Iren nicht sagen, wie sie über ihre eigene Geschichte zu denken hätten. Warum eigentlich nicht? So wie gut informierte Amerikaner oder belesene Iren viel entspannter auf die deutsche Geschichte blicken können, so erkennen wir vielleicht aus einer distanzierten und bereichernden Perspektive, wie der alte englisch-irische Dauerkonflikt den irischen Alltag bis heute beeinflusst. Wir können vorneinander lernen, wenn wir miteinander sprechen anstatt uns gegenseitig die eigenen schlechten Seiten um die Ohren zu hauen.

Irland gehört den Iren? Deutschland den Deutschen? Deutsche, esst nur deutsche Bananen? Wie fad. Das ist das Denken von vorgestern. Dass es gerade wieder modisch ist, solche Retro-Töne anzuschlagen, darf uns nicht irritieren und schon gar nicht vom Weg abbringen. Ich schätze und respektiere unsere Wahlheimat Irland (genauso wie Italien, Frankreich oder Spanien) gerade für ihre eigene kulturelle Identität. Irland soll nicht deutsch oder britisch oder amerikanisch werden, Irland soll, wie jedes andere Land, in seiner Eigenheit anerkannt und geschätzt werden. Wir reisen schließlich nicht in die Ferien nach Griechenland, um dort das deutsche Wesen zu genießen.

Darüber hinaus aber gibt es gemeinsame Werte, die wir in diesem Winkel der Erde teilen. Das Recht auf Gesundheit, auf eine gesunde Natur und auf gesunde Nahrung, gehört dazu, ist Kern unseres gemeinsamen europäischen Werte-Kanons. Das Recht auf das freie Wort und die eigene Meinu