Ostereier*

 

12. April 2020, Ostersonntag. 

 

Ostersonntag. Regenwetter. Der herrliche irische Frühling nimmt einen Tag Auszeit. Wie gut, dass das Ostereiersuchen ohnedies ausfällt. Wir haben am Freitag drei Wochen Verlängerung auf die seit zwei Wochen andauernde Ausgangssperre bekommen. Bis zum 5. Mai (und das beinhaltet offensichtlich ganz bewusst das Bank Holiday Wochenende im Mai) heißt es erst mal daheim bleiben und sich maximal in einem Umkreis von zwei Kilometern vom eigenen Haus bewegen. Wie kreativ viele Mitmenschen diese Zwei-Kilometerzone interpetieren, lässt sich etwa in deren Facebook-Timelines sehen, wo sie von Bergspitzen, vom Meer oder von weit entfernten Orten grüßen.

Das Osterwochenende, das war zu befürchten, würde dem Wunsch vieler Mitmenschen nach vergnüglicher „Normalität“ nicht stand halten. Es wird gereist – und der Zug bewegt sich von den Metropolen im Osten Richtung Westküste. Briten, Dubliner und Leute aus Cork haben sich am Donnerstag und Freitag auf den Weg in ihre Ferienhäuser am Atlantik gemacht und setzen offensichtlich auf die traditionell geringe Durchsetzungsfähigkeit der irischen Polizei. Die ist nun zwar seit dieser Woche mit Notstands-Vollmachten ausgestattet. Die Garda beeilte sich aber, die Gemüter a priori zu besänftigen und betonte, dass man erst im Wiederholungsfall streng werden wolle und zu Strafen greife. Wie gut deshalb, dass die Städter nicht gleich zweimal über Ostern ins Ferienhaus bei Skibb oder auf Beara fahren.

Viele Locals in den ländlichen Küstenregionen des Südwestens und Westens sind jedenfalls stinksauer über das rücksichtslose Verhalten der Osterausflügler mit Zweitwohnsitz. In der Lokalzeitung Southern Star liest man von aufgebrachten Bewohnern, die die Flut von Autos und Campervans mit den einschlägigen Nummernschildern (denen mit dem D und den gelben) beklagen. Dr. Fiona Kelly, die Dorfärztin von Castletownbere auf Beara ließ sich mir ihrer großen Enttäuschung über die Rücksichtslosigkeit von reisenden Briten und Landsleuten zitieren.

Verständlich, der Ärger. Alle, die die strengen Regeln befolgen, die die Einschränkungen der eigenen Freiheit hinnehmen, die Rücksicht nehmen, um die Gemeinschaft, sich und die anderen zu schützen – sie kommen sich verschaukelt vor von den Egomanen, die nur sich selber und ihr eigenes Vergnügen sehen.  Und die Leute am Atlantik fürchten den Cheltenham-Moment für Irlands Westküste, wo sich das Virus bisher eher selten blicken ließ. In Cheltenham unweit der englischen Stadt Birmingham finden jedes Jahr Anfang März die traditionsreichen Pferderennen statt, die nicht nur den britischen Pferdeadel magisch anziehen sondern auch viele wichtige und wichtigtuerische Irinnen und Iren. Cheltenham 2020 wird als eine der großen Virenschleudern dieser Krise in die Geschichte eingehen (siehe Prince Charles und Co.).

 

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Irland Corona

Irland in den Zeiten von Corona. Wir leben auf dem Land in Irlands äußerstem Südwesten, in einer Streusiedlung am westlichen Rand Europas, direkt am Atlantik. Auch in dieser einsamen, abgelegenen Gegend wird das Leben jetzt völlig vom neuartigen Coronavirus beherrscht. Wir, Eliane [e] und Markus [m], schreiben ein gemeinsames öffentliches Tagebuch über unser Leben in Irland in Zeiten von Corona. Heute schreibt Markus . . .

Wie lange noch? Das Jammern und Fordern der Normalitäts-Junkies ist hier in Irland nicht so laut wie andernorts. Es scheint, dass die meisten Menschen hier mit einigen Wochen Daheimsein nicht gleich maßlos überfordert sind. Dennoch muss sich die Regierung auch hier in der Kunst der richtigen Dosierung üben. Als sie die Verlängerung der Ausgangsbeschränkungen um drei Wochen bis Anfang Mai bekannt gab, wollten informierte Kreise bereits wissen, dass wir hier mindestens bis Juni aushalten müssen, bevor die Lockerungsübungen einsetzen.

Irlands Gesundheitssystem ist mit das am leichtesten Verwundbare in Europa, die Zahl der Intensivbetten pro Einwohner rangiert hier am untersten Ende der Skala – und deshalb muss die irische Regierung wohl ganz besonders ausdauernd auf der Bremse stehen, um die C-Kurve abzuflachen. Als Laie möchte man meinen, dass ein kleines Inselvölkchen von weniger als fünf Millionen Menschen eigentlich einen Vorteil haben müsste bei der Abwehr eines grassiernden Virus. Irland könnte die Insel-Lage und zur sorgfältigen Kontrolle der Grenzen und die geringe Bevölkerungszahl zum Komplett-Test der Menschen nutzen. Meint der Laie. Man hüte sich vor Halbwissen-Wissen: Das Testen kommt hier nicht wirklich voran, die Fähren fahren weiter, und der Flugverkehr vor allem von und nach dem vom Virus stark mitgenommenen Großbritannien bleibt geöffnet.

 

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Von Menschen, Medien und Märchen. „Erst wenn die letzte Rolle gehamstert ist, werdet Ihr merken, dass man Klopapier nicht essen kann“, möchte man den Quarantäne-Hortern indianer-weise zurufen. Allerdings war der ganze Hype um das Klopapier ein typisch medialer Aufreger mit wenig Nähe zur Wirklichkeit. Die Konsumforscher von Nielsen messen Woche für Woche exakt, welche Mengen der gängigen Konsumgüter in Deutschland (und in der westlichen Welt) gekauft werden. Die Absatz von Toilettenpapier stieg in den relevanten Kalenderwochen 9 und 10 um 46 und um 76 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Danach sank er. Was ist daran Hamstern?

Wenn jeder Konsument statt einer jetzt zwei Rollen (Packungen) gekauft hat, und wie empfohlen risikomindernd nur noch halb so oft einkaufen zu gehen, läge das Absatzplus bei 100 Prozent. So wurden viele witzige, empörte, amüsante und pseudokluge Stories geschrieben über ein Phänomen, das es gar nicht gab. Ja klar, Klopapier erlaubt bessere Geschichten und Märchen über menschliche und allzu menschliche Bedürfnisse (mit kleinen Seitenhieben auf den vermeintlich analen Charakter der Kunden), als wesentlich stärker nachgefragte Produkte wie Desinfektionsmittel, Brotmischungen, Handcremes oder Nudeln.

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Spiele und Biografie.  Jetzt, wo wir so unermesslich viel Gegenwart haben, flüchten sich viele Zeitgenossen zur Ablenkung gerne in die Vergangenheit. Äußerst beliebt sind die harmlos wirkenden, von raffinierten Datensammlern  aufgesetzten Internet-Spielchen, mit denen wir Inventur über unser Leben halten können: Welche Orte in der Welt hast Du schon alle gesehen (Der Durchschnitt ist lediglich acht, Du bist viel besser . . . )? Wie wird sich Dein Heimatort einmal gerne an Dich erinnern? Welche großartigen Bands hast Du in Deinem Leben live gesehen? Zugegeben, letzteres hat mich zum Nachdenken und Schwelgen inspiriert. Ich mache also mit. Hier meine 20