Früher litten alternde Frauen darunter, dass ihre Brüste zunehmend der Schwerkraft und abnehmend dem Imperativ der Schönheit gehorchten. Heute leiden junge Frauen daran, dass sich ihr Busen unter eigener oder fremder Hand klumpig oder körnig anfühlen kann. Mindestens 1500 verschönerte Damen in Irland  und einige zehntausend europaweit sehen sich in diesen Tagen vor Weihnachten um den Seelenfrieden gebracht: Leckt ihr Brustimplantat? Klumpen, zersetzen oder verflüssigen sich die Silikonkissen an exponierter Stelle? Droht gar Krebs? Seitdem bekannt wurde, dass ein franzözischer Implantate-Hersteller billiges Industrie-Silikon, das üblicherweise in Matrazen gefüllt wird, zu Brustkissen verarbeitete, schlagen manche Herzen hinter den Silikonpolstern vor Aufregung schneller. Die irischen Gesundheitsbehörden versuchen die aufgepolsterten Bürgerinnen derweil zu beruhigen: Eine Gesundheitsgefahr zumindest sei nicht nachgewiesen, frau solle doch Ruhe bewahren.

Ballymann_Chronicles_2012Wie auch immer: Die peinliche Panne im Business der „Boob-Jobs“ wirft ein Schlaglicht auf die aktuelle Befindlichkeit vieler Irinnen und Iren. Da wird geschnippelt, abgesaugt und aufgespritzt, was das Zeug hält. Im harten Wettbewerb von Schein und Sein setzen Mary und Paudie gerne auf das Chirurgenbesteck. Glaubt man den einschlägigen Berichten in Irlands Medien, so setzen die Gelifteten auf die Macht der Verschönerung im zunehmend harten Kampf um Arbeitsplätze, Beförderungen, Sex- und Lebenspartner. Irlands plastischen Chirurgen, den Fettabsaugern und Lippenaufspritzern, den Faltenbüglern und Doppelkinn-Schneidern geht es deshalb trotz Rezession gut, auch wenn der wirklich statusbewusste Kunde nach London oder München reist, um sich im Rahmen einer schicken Auslands-Freizeit aufpeppen zu lassen.

Binnen weniger Jahre hat sich die plastische Chirurgie im traditionell lustfeindlichen Irland breit gemacht. Sie hat sogar Eingang in die tägliche Radiowerbung gefunden: Radio-Werbespots preisen neben Krediten und Schinken wie selbtverständlich neue Nasen, schönere Ohren und schlankere Hüften an. Es sind offensichtlich nicht nur Frauen gesetzten Alters, die mit Körper-Korrekturen die Angst vor dem Altern kompensieren. Auch Männer geben viel Geld für den Fettabsauger aus und lassen sich besonders gerne die untere Gesichthälfte restaurieren, dort wo welke Haut und Runzelkinn, Lefzen und Lachfalten die Geschichten eines fortgeschrittenen Lebens erzählen. Und bei vielen jungen Frauen gehört der vergrößerte Busen sogar längst in die Rubrik „Must have“: Neue Stiefel, neue Ohrringe, neue Brüste. „Jung“ kann dabei auch schon mal zwölfjährig heißen: Vor ein paar Jahren sorgte der Fall einer retouchierten Mutter, die ihrer zwölfjährigen Tochter zum Geburtstag einen Busen-Job schenkte, noch für öffentlichen Furor. Heute würde der Fall wohl nur noch müde belächelt. Es lebe der Schein!

Berichte aus dem modernen Irland, von Designerdrogen-Parties bis