Irland 2012Nachdenken über Irland nach einem manischen Jahrzehnt. Wenn wir an dieser Stelle von Irland reden oder schreiben, dann beschreiben wir zumeist das ländliche Irland, die Gegend in der wir leben. Im äußersten Südwesten der Insel gelegen, fernab der Städte, weit draußen an der Peripherie, am westlichen Rand Europas, existiert diese auf den ersten und zweiten Blick idyllische Parallelwelt, die Besucher so gerne an das alte Irland erinnert.

Hier sind die Kirchen am Sonntag noch immer voll (was wir an der Zahl der Autos vor der Kirche erkennen), während der Priester in Dublin längst vor gähnend leerem Haus predigt. Hier hat der Keltische Tiger weniger gewütet als in den Metropolen und Speckgürteln der Insel. Hier gibt es weniger Emporkömmlinge und weniger gefallene Ex-Reiche. Hier liegt die Quote der Frauen mit Implantat unter der Bluse und Schnitt hinterm Ohr um Längen hinter der von Dublin. Hier ist man/frau noch ein bisschen gleicher, was manche Zeitgenossen mit „zurückgeblieben“ verwechseln. Hier hat man oft Zeit für eine Tasse Tee und ein Schwätzchen.

Hier halten sich die Bausünden eines manischen Jahrzehnts in Grenzen, hier prägt noch immer die Landschaft das Bild vom Ort. Eine reizend-reizvolle Landschaft, die uns auch nach über einem Jahrzehnt stets aufs Neue lockt, sie wahrzunehmen, zu schätzen, zu ehren, zu genießen. Und zu fotografieren natürlich.

Die Beschreibung dieser Welt, des ländlichen Südwestens Irlands zwischen Bergen und Atlantik trägt uns immer mal wieder den Vorwurf der Schönfärberei ein,  der idealisierten Betrachtung Irlands durch die rosarote, in diesem Fall die grüne Brille.  Die Krittler und Nörgler missverstehen: Wir haben nicht Tisch, Bett und Schreibtisch 2000 Kilometer westwärts bewegt, um auf den nächsten Hinterhof zu starren, um uns an den zivilisatorischen Verwüstungen der großen Städte zu reiben, um schlechte Luft einzuatmen, um über die Abwesenheit von Pflanzen und Bäumen zu lamentieren, um vor so viel Schönheit schamhaft die Augen zu verschließen.

Ich habe nach einigen Jahren wieder einmal die alte Wahl-Heimat München besucht. Auf der Schäferwiese wächst unter Stahlbertonfundamenten längst kein Gras mehr, der Hirschgarten ist der Name eines Wohngebiets, an der Hackerbrücke Richtung Westen ist die offene Gleis-Landschaft unter hunderten neuer Wohnungen verschwunden. Ein schmaler eingekiester Streifen zwischen S-Bahn-Trasse und Wohnblocks wurde von den Erschaffern dieser modernen Wohnwelten fast entschuldigend mit Schildchen versehen: „Biotop-Fläche“. Mir kamen fast die Tränen. Fast.

Hier in Irland gibt es auch keine Schäferwiese, dafür aber reichlich Schafswiesen, es gibt die Hirschgärten, es gibt die offene, unverbaute und weite Landschaft. Was fehlt sind die „Biotop-Flächen“. Das ist gut so. Und nein, es ist kein Luxus hier zu leben, Das Leben hier lässt sich billiger leben als in München oder in Frankfurt oder in Hamburg. Wenn man denn will. Es ist allerdings ein Privileg, hier zu leben, so zu leben. Das schätzen wir. Tag für Tag aufs Neue.

Und ja, es gibt auch das andere Irland. Das moderne, schnelle, urbane, stylische und elitäre. Das hässliche, das verkommene, das verschandelte und ausgebeutete. Die aus den Fugen geratene moderne Gesellschaft mit all ihren Schattenseiten: Eitelkeit, Gier, Arbeitslosigkeit, Armut, Drogenabhängigkeit, Fettleibigkeit, Rassis