Ein Traum: Irlandnews frei von Facebook & Google

 

Irlandnews wäre gerne unabhängig von Facebook und Google.  Im November werden es zehn Jahre sein, seit ich (damals auf Googles Blogger-Plattform) den ersten Blog-Beitrag über Irland schrieb und damit dieses Webmagazin Irlandnews startete. Seitdem haben wir im Team über 2.500 eigene Beiträge über Irland und Irlands Natur veröffentlicht.

In diesen zehn Jahren hat sich unsere Wahlheimat Irland stark verändert – doch noch mehr verändert hat sich die digitale Landschaft, in der auch Irlandnews.com heranwuchs. Das Internet ist genau genommen nicht wieder zu erkennen. Noch vor zehn Jahren gab es genügend Gründe, mit dem World Wide Web (sagt man das noch?) die Hoffnung auf mehr Demokratie, Wissen und Freiheit weltweit zu verbinden.

Mittlerweile mussten wir erkennen, dass die brutale Kommerzialisierung des Webs durch einige wenige Internet-Konzerne diese Hoffnung in die Gewissheit verkehrt hat, dass diese Online-Großmächte, an vorderster Stelle Facebook und Google, unsere Demokratien bedrohen, unsere Freiheit zerstören, den Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge verwischen und die totale Überwachung der Menschen weit vorangetrieben haben.

Es ist mittlerweile falsch, von einem Überwachungsstaat zu sprechen, denn es sind – in der westlichen Welt zumindest – überwiegend Wirtschaftsunternehmen, die uns ausspähen, die uns im Internet fast lückenlos überwachen, die uns über die Ortungsfunktionen der Smartphones längst auch im realen Leben bis in die Geschäfte hinein verfolgen und die uns auf eine Existenz des totalüberwachten Konsumenten reduzieren wollen. Wir werden bedroht von der globalen Überwachungswirtschaft. Und es ist einfach nur peinlich, wenn Menschen heute noch niedlich behaupten, sie hätten doch gar nichts zu verbergen . . .

Facebook und Google bieten uns Nutzern vermeintlich kostenlose Dienste an, die nützlich, praktisch, unterhaltsam, oft hilfreich und sehr bequem sind. Klar war immer, dass wir Nutzer einen hohen Preis zahlen würden: den Verlust der Privatsphäre (und nebenbei: den Verlust unseres Lebensstils und unserer Aufmerksamkeits-Spanne). Vollkommen klar wird jetzt, dass wir dieser Freiheitsberaubung aus privaten, gesellschaftlichen, aus sozialen und politischen Gründen ein Ende bereiten müssen. Der Facebook-Skandal um 87 Millionen gestohlene Nutzer-Profile und die Manipulation von demokratischen Wahlen und Volksabstimmungen könnte der Wendepunkt sein.

Irlandnews und Facebook: Vor zehn Jahren noch machten sich die Leserinnen und Leser von Irlandnews und all der anderen Websites, Blogs und Plattformen durch Eingabe der Internetadresse (www.irlandnews.com) auf den direkten Datenweg zur Website. Wir alle lasen direkt an der Quelle. Schon damals allerdings vermochten viele Internet-Surfer nicht zu unterscheiden: Sie verwechselten die voreingestellte Google-Startseite mit dem Internet, gaben die Adresse wie Suchwörter in die Google-Suchmaske ein und kamen über den Google-Umweg auf die gesuchten Websites.

Seitdem ist neben Google ein mächtiger Konkurrent im Kampf um den milliarden-schweren Online-Werbemarkt herangewachsen. Facebook hat sich als allgegenwärtiges Krebsgeschwür in die einst offene Internetstruktur gefressen. Wie ein schwarzes Loch verschlingt Facebook – im Gleichschritt mit Google – Galaxien von unabhängigen Websites, verleibt sich sie und deren Inhalte ein, degradiert sie zu abhängigen Trabanten; und viele Menschen  verwechseln längst Facebook mit dem Internet selbst: Sie machen sich nicht mehr die Mühe, einzelne Websites von Zeitungen oder Blogs von unabhängigen Autoren zu besuchen, sondern konsumieren vom Web einzig, was Facebook für sie an Häppchen aus dem Internet aussucht. Viele kleine und mittlere Unternehmen sind derweil völlig abhängig von den Algorithmen der Internet-Türsteher Google und Facebook und zahlen kräftig und stets kräftiger, um online sichtbar zu bleiben.

Wir wissen nun auch aus den berufenen Mündern von reuigen Online-Pionieren der ersten Stunde, was wir längst am eigenen Leib erfahren hatten: Facebook wurde (wie andere Social Media und zahlreiche Computerspiele) bewusst so entwickelt, um Menschen abhängig zu machen, sie durch geschickte unterschwellige Impulse und Appelle ans Unbewusste genau dort zu packen, wo wir uns nicht von anderen Säugern unterscheiden. Wir allen lieben die Belohnung, selbst dann, wenn sie nur aus einem Whatsapp-Signalton und einer inhaltsleeren Message von Schatzi, also im Grunde aus Nichts besteht.

Den Alltag radikal verändert. Facebook, Messenger, Whatsapp, Pinterest, Instagram, Snapchat und wie sie alle heißen, haben unseren Alltag und wie wir leben in nur zehn Jahren bis zur Unkenntlichkeit verändert. Der durchschnittliche Deutsche schaut heute pro Tag 88 mal auf sein Smartphone und verbringt täglich Stunden online. Eine kleine Gruppe findiger Weltveränderer aus dem Silicon Valley hat den technischen Fortschritt (in diesem Fall Moores Gesetz) für sich optimal genutzt und dem Rest der Welt einen Lebensstil verordnet, der sich optimal ausbeuten lässt. Die Clique der Web-Milliardäre, die neue Geld-Elite von der US-Westküste, hatte leichtes Spiel, denn wir alle machten freiwillig mit. Weil es so leicht ist, bei Amazon zu kaufen, so praktisch, bei Google zu finden, so verbindend, bei Facebook zu chatten.

Doch nun sind viele Leben vom unaufhörlichen Strom der digitalen Impulse, der Informationen und der Lügen, der Versprechen, der leeren Belohnungen, der Abermillionen Bilder und des niemals endenden Online-Entertainments richtiggehend geschreddert, umgepflügt und auf den Kopf gestellt – manche sagen; deformiert und beschädigt.

Als Menschen sind wir die findigsten und anpassungsfähigsten Lebewesen der Erde. Wir werden lernen, uns in den immateriellen Onlinewelten zu behaupten und diese angemessen in unser Leben zu integrieren. Unsere Generation hat die Aufgabe, sich aus der unglückseligen Rolle der Versuchskaninchen zu befreien und sich von der verführerischen Technik, die uns allzu nah auf den Leib und die Seele gerückt ist, zu emanzipieren. Diese Generation muss sich zu aller erst die höchst bedrohte Privatsphäre zurück erkämpfen, und sie muss lernen anstatt immer „JA“ endlich erst einmal „NEIN“ zu sagen. Nein zu allen Impulsen, die verführen, die überflüssig sind, die uns vom Leben ablenken. Warum eigentlich muss ich 88 mal am Tag auf das Smartphone starren, nur weil ein verheißungsvoller Ton oder ein Brummen in der Hosentasche mir leere Belohnungen verspricht? Das sind 88 Unterbrechungen meines wirklichen Lebens – und in der Regel mindestens 80 zu viele.

NEIN statt JA: Grundsätzlich erst einmal „NEIN“ zu sagen zu den vielfältigen im Sekundentakt einströmenden Impulsen der sozialen Netzwerke und der Messenger-Dienste, das schafft Raum für die wahren menschlichen Stärken, zum Beispiel Raum zum Nachdenken: Muss ich das jetzt wirklich tun? Wie oft will ich es tatsächlich? Muss das jetzt sein? Die kleine Denkpause zwischen Impuls und Reaktion erweist sich als hilfreich: Die meisten Impulse können nun ohne Konsequenz verpuffen.

Das bewusste Auswählen üben: Ich habe mir vorgenommen, dieses Neinsagen zu üben und (auch) im Internet sehr viel selektiver JA zu sagen und auszuwählen. Das bedeutet ein (erst mal nur privates) NEIN zu Facebook. Stattdessen werde ich die Websites, die ich mag und benötige, immer direkt ansteuern. Ich lese den SPIEGEL oder die Irish Times direkt  an der Quelle (www.spiegel.de und www.irishtimes.com) und nicht auf Facebook – und ich wünsche mir, dass mein „Online-Baby“  www.irlandnews.com, das nun nach fast zehn Jahren ziemlich erwachsen ist, künftig auch wieder mehr direkte Besucher begrüßen darf, die nicht via Facebook vorbeischauen. Ich wünsche mir Website-Besucher, die die URL www.irlandnews.com aktiv und direkt in die Adress-Zeile ihres Internet-Browsers eingeben, weil sie bewusst einen oder mehrere Beiträge auf Irlandnews lesen wollen – und ich werde mit den Menschen, die mir etwas bedeuten, sprechen, telefonieren, sie treffen.

All dies Träumerei? Vielleicht. Doch die traurige Alternative will ich mir nicht noch genauer vorstellen.

Von |2018-04-04T23:30:52+00:004. April 2018|6 Kommentare

Über den Autor:

Markus Baeuchle
Autor, Journalist und Wanderer. Lebt in Glengarriff im Südwesten Irlands. Mit Markus und seiner irischen Outdoor-Firma Wanderlust können Sie Irlands faszinierende Natur von den schönsten Seiten erleben.

6 Comments

  1. Markus Baeuchle
    Markus Baeuchle 9. April 2018 um 15:02 Uhr - Antworten

    Macht viel Sinn, was du schreibst, Song – und Verantwortung übernehmen macht Arbeit. Aber es lohnt sich! Ich habe jedenfalls lange Jahre die Vernetzung der vielen Datenklauer untereinander unterschätzt. Und ich rätsle selber immer wieder . . . Woher zum Beispiel weiß Facebook trotz aller aktivierten Restriktionen meinerseits und trotz Ausschaltens der Ortungsdienste auf dem Handy, wo ich gerade bin? (Ich bekomme nämlich ortsgenaue Angebote für den Marketplace und kann nur spekulieren, dass Facebook Informationen über WLAN- und Internetzugangs-Orte ausbeutet . . . )

  2. Songline 5. April 2018 um 17:45 Uhr - Antworten

    Sehr guter Artikel!
    Ich habe irlandnews in meinen Browser-Favoriten und so genügt ein Klick zum Aufruf.
    Ansonsten ist es mit Smartphone, Google, Facebook und Amazon wie mit allem: Man kann sie für gute Dinge nutzen oder sich davon abhängig machen lassen.
    Mein Handy ist in der Regel ausgeschaltet, es sei denn, ich nutze es unterwegs als Notfalltelefon. Als Alternative für Google bietet sich Quant an, Amazon ist gut, um sich einen Marktüberblick zu verschaffen und dann bei der heimischen Wirtschaft zu kaufen.
    Bei Facebook habe ich mir vergangene Woche mal runtergeladen, was dort über mich gespeichert ist. Es waren unter anderem alle meine privaten Nachrichten (klar, sonst würden sie ja nicht immer wieder erscheinen, wenn ich einen Chat öffne.) Also: Alle Nachrichten gelöscht.
    Man kann sehr wohl verantwortungsvoll mit allem umgehen. Das Problem ist, wenn es scheinbar bequem wird, die Verantwortung abzugeben. Und sei es an einen Apparat, der auf Zuruf ein Radio einschaltet und im Gegenzug alle Gespräche im Haus abhören kann.
    Vielleicht sollte man Alexa und Siri mal fragen, wer die Skripals vergiftet hat. Ich wette, irgendein Server kennt die Antwort.
    Liebe Grüße
    Song

  3. Peter Bernhardt 5. April 2018 um 16:58 Uhr - Antworten

    Hi, Markus, beim Lesen Deines interessanten Artikels wurde mir klar, ich gehöre zu einer kleinen priviligierten Klasse. Wir haben kein Smartphon und müssen auch nicht 88x darauf schaun. Wir sind nicht in Facebook und auch in keinem anderen sozialen Netzwerk. Auch kaufen wir nicht bei Amazon, sondern schaun zu, daß wir das Gewünschte vor Ort bekommen können, um die kleinen Geschäfte am Leben zu halten. Wir vermissen NIX! Und nehmen trotzdem am aktuellen Leben teil! Man kann auch ohne diesen Sch…. glücklich leben! Und Deine „Irlandnews-Seite“ klicken wir auch auf direktem Wege an. Gruß Peter

    • Markus Baeuchle
      Markus Baeuchle 9. April 2018 um 14:53 Uhr - Antworten

      Danke Peter, keep going so!

  4. Caro 5. April 2018 um 15:08 Uhr - Antworten

    Lieber Markus,

    kann ich alles gut verstehen. Ich lese Beiträge auch lieber auf der eigentlichen Webseite. Und hätte ich diesen Artikel nicht gelesen, wäre mir bis hierhin gar nicht aufgefallen, dass es Irland-News auch auf Facebook gibt… 🙂

    • Markus Baeuchle
      Markus Baeuchle 9. April 2018 um 14:52 Uhr - Antworten

      Freut mich, Caro!

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