
„Bliebe die Frage zu klären, ob Irland ein kinderfreundliches Land ist, wie es oft heißt. Dass die Rechte der Kinder und deren Schutzbedürftigkeit Ende 2012 per Volksabstimmung in die Verfassung aufgenommen wurden, war eine politische Reaktion auf die lange Tradition des institutionellen Missbrauchs. Kinder in Irland werden möglicherweise mehr in das alltägliche Leben der Erwachsenen integriert als anderswo. Sie nehmen selbstverständlicher am öffentlichen Leben teil und begegnen einer in der Regel toleranten und respektvollen Erwachsenenwelt. Kinderfreundlichkeit offenbart sich in der Zahl der vielen Kinder, dem vergleichsweise milden Leistungsdruck in den Schulen, in der Akzeptanz kindlicher Artikulationsformen und in den späten Schulanfangszeiten. Kinderfreundlich wäre dagegen auch die Bereitstellung vielfältiger individueller Förder- und Entwicklungsangebote für Kinder. Abenteuerspielplätze, Musikschulen, Sporthallen, Bolzplätze oder Erlebnisschwimmbäder und kinderspezifische Freizeitangebote für alle sind insbesondere im ländlichen Irland noch immer dünn gesät. Wer mit Gaelic Football, Fußball oder Rugby nichts anfangen kann, wer nicht mobil ist oder die finanziellen Möglichkeiten nicht hat, geht deshalb oft leer aus.“

Schockierend ist, dass das Land, das sich noch 2007 als das reichste Land Europas gefeiert hat, unter den 41 untersuchten wohlhabenden EU- und OECD-Ländern einen unrühmlichen 37. und damit fünftletzten Rang belegt: Nur in Kroatien, Lettland, Griechenland und Island ist die Lage der Kinder demnach noch schlechter. Der Report Kinder der Rezession* weist gleichzeitig darauf hin, dass es 18 Länder trotz Rezession zwischen 2008 und 2012 geschafft haben, die Kinderarmut zu verringern. UNICEF macht eine verfehlte Arbeitsmarktpolitik und drastische Kürzungen von Sozialhilfe, Kindergeld und anderen staatlichen Leistungen für die Negativentwicklung in Irland verantwortlich. Von sekundären Benachteiligungen bei Bildung und Ausbildung gar nicht zu reden. So lässt sich positiv gedacht schlussfolgern: Paudy und Mary mögen kinderfreundlich sein, sie leisten sich aber gleichzeitig eine Regierung, die das Gegenteil dessen verkörpert.
Dieselbe Regierung bastelte in den vergangenen Jahren übrigens maßgeschneiderte jumbo-formatige Steuer-Schlupflöcher (bekannt als „Double irish“) für die großen globalen Unternehmen von Apple bis Google, damit die Multinationals ihre Steuerquoten weit unter 2 Prozent drücken konnten. Damit entgingen dem irischen Staat Einnahmen in Milliardenhöhe. Alles klar? Erst kommt das Big Business, dann kommt lange nichts und dann kommen vielleicht irgendwann noch die Kinder. So freundlich.
Auf Druck anderer europäischer Regierungen hat Irland Mitte Oktober widerwillig zugestimmt, das Double-Irish-Steuervermeidungs-System, das auch andere EU-Staaten benachteiligt, in fünf Jahren (!) einzustellen. Doch Irland wäre nicht Irland, hätte die Regierung nicht längst den nächsten Joker — sprich die nächste fast legale Steuervermeidungsmasche — im Ärmel. Die neuen Zauberwörter heißen Knowledge Box und Patent Box. Den Global Players soll unter dem Deckmäntelchen von Forschung, Wissenstransfer und neuen Patenten via Briefkastenfirmen massive Steuererleichterungen zugeschustert werden. Die Rede ist von einem Steuersatz von 6,25 Prozent — das ist die Hälfte des ohnehin geringen legalen irischen Steuersatzes für Unternehmen. Also Kinder Irlands: Nehmt Euch in acht vor der „Kinderfreundlichkeit“ Eurer Regierung!
*Die UNICEF-Studie „Children of the Recession – The impact of the economic crisis on child well-being in rich countries“ kann hier als PDF geladen werden.
Hinterlasse einen Kommentar