15. April 2020, Mittwoch.

 

Irland Corona

Irland in den Zeiten von Corona. Wir leben auf dem Land in Irlands äußerstem Südwesten, in einer Streusiedlung am westlichen Rand Europas, direkt am Atlantik. Auch in dieser einsamen, abgelegenen Gegend wird das Leben jetzt völlig vom neuartigen Coronavirus beherrscht. Wir, Eliane [e] und Markus [m], schreiben ein gemeinsames öffentliches Tagebuch über unser Leben in Irland in Zeiten von Corona. Heute schreibt Eliane . . .

Zurück zur Entspannung. Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, dass ich den Frühling genieße? Dass ich endlich wieder im Garten wühlen kann? Ich fühle mich nur eingesperrt, wenn ich spontan einen Sack Gartenerde benötige oder plötzlich meine, einen siebten Azaleenstrauch kaufen und pflanzen zu müssen. Oder wenn mir unerwartet einfällt, dass in dieser oder jener Ecke unbedingt ein leuchtend blauer Keramiktopf hin passen könnte. Oder wenn ein Samentütchen her muss. Doch ich bin insgesamt gut ausgestattet und improvisiere gerne, somit sind diese „kleinen Nöte“ nicht wirklich schlimm.

 

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Disziplin beim „Schlangestehen“. Heute war allerdings eine kurze Fahrt zum zehn Minuten entfernten Shop angesagt. Dieser ist unterteilt in zwei Teile: Der ältere Teil ist ein inzwischen gut sortierter kleiner Supermarkt, in dem die zahlreichen MitarbeiterInnen bereits um diese Jahreszeit alle Hände voll mit den Osterurlaubern vom gegenüberliegenden Campingplatz zu tun hätten. Von Milch über Tee, eine feine Auswahl an Bio-Essen, frisches Gebäck (hmmm, jeden Tag handgeformte Scones einer benachbarten Familie!), etwas Obst und Gemüse, auch reichlich Alkoholisches, sind dort auch Bratpfannen, dicke Socken, Kerzen, Sonnenmilch, freilich auch Toilettenpapier und vieles mehr erhältlich. So dass sorglose Campingtage und -abende niemals an mangelnden edlen Tröpfchen, Küchenmesserchen oder Knabberkram leiden müssten. Um diese Jahreszeit würden auch massenweise Kinder dort herum lungern, denn dort gibt es die bunteste und süßeste Eiscreme-Auswahl weit und breit. Blau oder gestreift, mit bunten Krümeln, Oreostückchen und/oder allerlei smartieähnlichen Gebilden, gerührt, gequirlt oder „einfach so“. Kurzum, dieser Laden hat für jeden etwas zu bieten und erwirtschaftet bislang einen guten Teil seines Umsatzes mit sinnlos-sündigen Kalorien! Zur Zeit allerdings regiert der Konjunktiv: würden, müssten, könnten, wenn bloß das mit dem C nicht wäre  – und die Kunden im Laden sind an einer Hand abzuzählen.

Der neue Teil des Ladens ist eigentlich ein kleiner Baumarkt. Diese müssen derzeit geschlossen bleiben. Zum Glück versorgt die engagierte Eigentümer-Familie, die an Kasse und Verkaufstresen mitarbeitet, die lokalen Bauern mit allerlei Gartengerätschaften, Tierfutter, Tierapparaturen (ich weiß bei vielen dieser Gegenstände nicht wirklich, wofür oder wogegen sie eingesetzt werden!). Wegen unseres Renovierungs-Projektes, ein schnuckeliges Haus mit Meeresblick (ganz ordentlich innerhalb der erlaubten 2-km-Ausgangsgrenze!) brauche ich ab und zu Farben, Lacke, Pinsel und anderen Kleinkram.

Ich bin wahrlich dankbar für die Schaf-Kennzeichnungsfarben und das wie Cornflakes aussehende Rinder-Müsli – denn nur darum darf dieser Laden geöffnet sein. Zwar ist die Tür mit einem rot-weißen Flatterband versperrt, ein Schild weist darauf hin, dass sich nur zwei Personen drinnen aufhalten dürfen. Sehr gelassen, fast stoisch, standen heute acht Menschen in einer über 15 Meter langen „Schlange“ und warteten jeweils eine kleine Ewigkeit, dass die laaaangen nicht mitzuhörenden Beratungsgespräche fertig seien. Ganz klar, nicht alle Kunden stehen hier wegen Knusperkram für ihre Herde an, sie suchen wie ich Werkzeug, Schrauben, Glühlampen, Verlängerungskabel, Rostschutzlack und vermutlich auch Wandfarben. Denn rund um Ostern wird in Irland immer viel gepinselt. Fassaden bekommen neue, teils grell-bunte Farben, Fensterrahmen werden manchmal aufgefrischt (die meisten neuen Fenster sind aus pflegeleichtem PVC) und Innenräume werden regelmäßig mit frühlingsfrischen Farben aufgehübscht.

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Blütenmeer und Düfte, leuchtend und teils unsichtbar. Derzeit blüht ein extrem nach Honig duftender Strauch, der Klebsame. Kein (unaufmerksamer) Mensch sieht seine fast schwarzen Blüten, die Insekten weisen mit ihrem freudigen Gesumme und Gebrumme allerdings den Weg. Pittosporum tenuifolium kommt aus Neuseeland, doch offenbar schmeckt sein Nektar den irischen schwarz-gelb gestreiften Insekten vielerlei Formates. Oben im Titel-Foto ist einer meiner Lieblingsbäume zu sehen. Embothrium coccineum stammt aus meinem Geburtsland Chile. Irgendwann mal zupfte ich einen kleinen „Zweig“, also einen Ableger aus der Erde, vielleicht knapp 20 Zentimeter lang. Nun ist der Baum sicherlich weit über drei Meter hoch und erfreut mich mit seinen überaus skurrilen Blüten, aufgrund derer er auf deutsch Chilenischer Feuerstrauch heißt.

Der Gagelstrauch (Myrica gale) ist im allermoorigsten Boden zu Hause. Er ziert sich derzeit mit fein duftenden Kätzchen. Einst wurde der lorbeerähnliche Duft benötigt, um bestimmte Biere „würziger“ zu gestalten. Giftrot wie ein Weihnachtsstern schmückt sich nun die Lavendelheide, was für ein blödsinniger Name für diesen weit über 2 Meter hohen Strauch, der