30. März 2020, Montag.

 

Irland Corona

Irland in den Zeiten von Corona. Wir leben auf dem Land in Irlands äußerstem Südwesten, in einer Streusiedlung am westlichen Rand Europas, direkt am Atlantik. Auch in dieser einsamen, abgelegenen Gegend wird das Leben jetzt völlig vom neuartigen Coronavirus beherrscht. Wir, Eliane [e] und Markus [m], schreiben ein gemeinsames öffentliches Tagebuch über unser Leben in Irland in Zeiten von Corona. Heute schreibt Eliane . . .

Langeweile fördert Kreativität. Einerseits hängt mir das Virus-Thema mittlerweile zum Hals hinaus, andererseits amüsiere ich mich köstlich, wenn ich all die kreativen Werke in der bunten weiten eingeschlossenen Welt anschaue. Dass sich nun sogar besonders viele Emoticons mit Schutzmaske auseinandersetzen, ist geradezu niedlich. Die animierten Figuren seifen, rubbeln, schäumen, beten und boxen die Viren davon. Allein der bemerkenswerte dicke Bär in seiner gläsernen Schutzhülle genießt die abprallenden Mikro-Ungetümer. Er könnte uns ein Beispiel für das Vertrauen in ein intaktes Immunsystem sein. Wie ich in einem der ersten Tagebucheinträge hier schrieb, frei nach Pasteur und Koch: Die Bazille ist nichts, unsere Abwehr ist alles. Dass in meiner kleinen Welt der Ätherisch-Öl-Anbieter momentan extrem viel los ist, betrachte ich mit gemischten Gefühlen. Meine langjährigen Versuche, diesen effektiven antimikrobiellen Molekülen mehr “Gehör” zu verschaffen, wurden oft genug verspottet. Doch nun brummt das Geschäft mit den duftenden Virenkillern.

 

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Irland CoronaCorona-Prophezeiung in der “Literatur”. 2017 erschufen Jean-Yves Ferri und der Künstler Didier Conrad den 37sten Asterix-Band: “Astérix et la Transitalique”. In dieser Geschichte nahmen Asterix und Obelix an einem Wagen-Rennen durch das alte Italien teil. Ihr größter Herausforderer war ein maskierter Mann, der für Julius Caesar angetreten war. Sein Name: Coronavirus (in der französischen Original-Ausgabe und in der englischen Übersetzung, die deutschen Übersetzer ließen sich mal wieder einen anderen Namen einfallen). Die verblüffende Entdeckung machte unser Kollege Ralf Sotscheck, der einzige hier sesshafte Irland-Korrespondent einer deutschen Tageszeitung mit Sitz in Dublin und im Burren.

 

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Zum Mitsingen.  Ein uralter Song aus meinem ersten Studienjahr 1979 durchlebt derzeit ein witziges Revival. Aus dem Ohrwurm “My Sharona” von The Knack wurde Scheiß-Corona: gesungen, geklatscht, gesprüht, gerockt, gekreischt von unzähligen Menschen und wunderbar zusammen geschnitten von The Happy Disharmonists. Hörenswert. Sehenswert. Gegen den Lagerkoller hilft Kreativität einfach am besten.

 

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Einsperrt und abgelenkt. Dass nun überall kostenlose (oder sehr preiswerte) Ablenkungs-Angebote zu ergattern sind, ist sicherlich schön und wirklich nett gemeint. Aber muss man sich nun mit einem neuen stressigen Stundenplan vollstopfen, anstatt endlich mal die wirklich einmalige Jahrhundert-Ruhe, die nun eingekehrt ist, zu genießen? Vielleicht einfach mal nur eine Stunde lang einen Tee oder Kaffee zu schlürfen und den Schneeflocken zuzusehen… Oder dem Vogelgesang zu lauschen, auch den wieder ungewöhnlich klaren Nachthimmel zu bewundern. Muss denn stattdessen morgens gleich mit der virtuellen Yogaklasse durchgestartet werden, dann schnell in die virtuelle Sprach-Lern-Gruppe gehüpft, um anschließend völlig gehetzt mit dem Starkoch ein Super-Mittagsgericht zu brutzeln… und nachmittags dasselbe Spiel mit der Stuhl-Home-Office-Gymnastik, dem Kalligrafie-Kurs und dem Meditations-Guru…

Zum Glück gibt es genug Menschen, die diese extreme, nie gekannte Krisenzeit auch als ungeahnte Chance begreifen. Vielleicht spüren viele Menschen, auch trotz der vielseitigen Herausforderungen und Ablenkungen, dass wir die Natur nicht grenzenlos ausplündern dürfen. Denn die meistens für uns unsichtbaren, sehr fein “gestrickten” Systeme nehmen einfach ihren Lauf, ob wir wollen oder nicht. Wenn wir an einem Ende dieses Erdballs eine Schar Mücken in Gift ertränken, taucht an ungeahnten anderen Ecken eine Krise auf, eben weil diese Mücken eine bestimmte biologische Aufgabe haben (hatten).

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Irland CoronaGar nicht witzig. Das Sperrschild auf einem öffentlichen Sträßchen in unserer Nachbarschaft mag zwar auch das Produkt eines kreatives Ergusses sein, doch es hat etwas Verstörendes und zeigt, wie verängstigt manche Menschen nun sind. Fremde, bleibt weg.

Dass in den sozialen Medien jetzt gesundheitsrelevante, kritisch hinterfragende Artikel und auch ein Youtube-Video eines Arztes verschwinden, der einfach nur Fragen an die Mainstream-Entscheider stellte, das verursacht in mir ein tiefes Unbehagen. Der Spiegel-Autor Christian Stöcker berichtet von der neuen Verlockung, “sich zum verlängerten Arm der Staatsmacht zu machen”. Der Menschentyp “Autoritärer Charakter” kann sich in diesen Zeiten endlich mal verwirklichen: Er beobachtet, ob Abstandsregeln eingehalten werden, ob Gesichtsmasken ordnungsgemäß getragen werden, er ergötzt sich an Apps, die Handyträger oder gar Virusträger identifizieren können. Gegebenenfalls wird die Staatsmacht informiert und gar Anzeige erstattet. Das D-Wort macht wieder die Runde. Bürger, die in einem totalitären System aufwachsen mussten, leiden schlimmstenfalls unter Flashbacks und traumatischen Erinnerungen.

Der Telekom-Konzern Swisscom analysiert für den Bundesrat, wie sich Handynutzer in der Schweiz bewegen. Anhand von Handydaten soll überprüft werden, wie die Schweizer auf die Weisungen des Staats reagieren. Halten sie das Versammlungsverbot ein, bleiben sie jetzt wirklich zu Hause? Darum analysiert die Swisscom nun Daten auf ihrem eigenen Netz: Reiseverhalten und Menschenansammlungen können mit ihrer Mobility Insight Plattform ausfindig gemacht werden, indem Gebiete mit mindestens 20 SIM-Karten auf einer Fläche von 10’000 Quadratmetern ausgewiesen werden. Ferner ist zu lesen. dass es in der Schweiz  vermehrt zu schweren Körperverletzungen durch Stich- und Schlagwaffen kommt. Sind das noch Vorwehen einer Krise oder stecken wir alle schon tiefer in Ent-Demokratisierungs-Prozessen als uns bewusst und lieb ist? Auch die irische Regierung bastelt an einer Covid-Träger-Überwachungs-App, die demnächst schon zum Einsatz kommen soll . . .

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Die Tages-Statistik: Die Zahl der positiv getesteten Covid-19-Fälle stieg in der Republik Irland seit gestern um 295 auf 2910.  54 Menschen, bei denen das Coronavirus nachgewiesen wurde, sind seit Beginn der Zählung gestorben (seit gestern plus acht). Das Durchschnittsalter der seit gestern Verstorbenen beträgt 86 Jahre. Die mit weitem Abstand am meisten Toten kommen aus dem Osten des Landes, aus dem Großraum Dublin. Die Regierung erwägt derzeit eine weitere Einschränkung der Bewegungsfreiheit, um den Import neuer Coronavirus-Fälle zu verhindern. Es wird erwogen, die Einreisen ins Land noch stärker zu beschränken. Noch aber sind die Grenzen nicht geschlossen.  Derweil wird das Zweiklassen-Gesundheitssystem im Land zumindest in die Pause geschickt. Die Regierung vereinbarte mit den Trägern die völlige Öffnung von 19 Privat-Krankenhäusern und gewinnt damit den Zugriff auf 2000 zusätzliche Betten, 47 Intensiv-Betten und 194 Beatmungsgeräte.  

 

Collage Emoticons & Vignette: Eliane Zimmermann; Foto unten: Markus Bäuchle