Plassy 1981

Die Künstliche Intelligenz (KI) frisst sich munter weiter in unser aller Leben. Wohl die meisten Menschen, die mit Computern und Smartphones umgehen, reagieren auf die massiven Umwälzungen ambivalent bis paradox: Sie sorgen und fürchten sich einerseits, und nutzen die neuen lebenserleichternden Möglichkeiten andererseits. Wer sich als junger Mensch den neuen Technologien verweigert, kann sich beruflich bald auf der Verliererstraße sehen – wer nicht, freilich auch.

Immer klarer wird, was die KI wirklich ist: Das Herrschaftsmittel der Zukunft. Wer die großen KI-Modelle besitzt und beherrscht, hat die Macht über die Narrative, über die Erklärung der Welt und damit über unsere Sicht auf die Welt. Die KI-Bosse im Silicon Valley und im ostchinesischen Hangzhou werden nicht von ungefähr als die gefährlichsten Menschen auf unserem Planeten beschrieben.

Es ist schon erstaunlich, wie nach der ersten großen Welle der Enteignung von geistigem Eigentum namens Internet ein menschengemachter Technik-Tsunami diese Enteignung jetzt ungehindert auf die Spitze treiben darf. Einige wenige Menschen in einigen wenigen Tech-Firmen haben sich bereits einen Großteil des Wissens der Menschheit unter den Nagel gerissen, um damit ihre KI-Modelle zu füttern und zu trainieren. Wer zum Beispiel weiß, wie sich die Large Language Models Millionen von Copyright-geschützten Büchern illegal via Libgen einverleibt haben, ist um viele Illusionen ärmer.

Der dreist-dramatische Zugriff der KI-Firmen auf das im Internet über Jahrzehnte gesammelte und bereit gestellte Wissen der Menschheit wird die massiv unter Druck geratenen klassischen Medien jetzt weiter in die Enge treiben. Wer sich die KI-gestützten Ergebnisse einer aktuellen Google-Suche oder neu eingeführte Internetbrowser wie Comet von Perplexity anschaut, erkennt, wohin die Reise geht. Die KI-Modelle nehmen sich alle Rohstoffe aus dem Intenret, bereiten sie mit der ihnen eigenen Intelligenz auf und geben die Ergebnisse mehr und mehr als ihre eigenen aus. Der bisherige Deal, nach Antworten suchende Nutzer per blauem Link auf die Websites der jeweiligen Inhalte-Lieferanten zu leiten, wird Stück für Stück einseitig aufgelöst. Die Websites der großen Medien verlieren Nutzer, die Abrufzahlen sinken und damit die Umsätze. Das Trump-Regime unterstützt diese kalte Enteignung aktiv und zielstrebig, soll sie doch die verhassten alten Medienunternehmen in die Knie zwingen. Der Plan könnte aufgehen.

Vor 27 Monaten, am 23. April 2023, haben wir unser Web-Magazin Irlandnews zur KI-freien Zone erklärt. Ich schrieb damals:

„Die rasanten Entwicklungen der letzten Monate zwingen uns mehr denn je zum Nachdenken, was wir unter Menschsein verstehen und wie wir künftig leben wollen. 1200 KI-Zauberlehrlinge haben vor kurzem nach einem sechsmonatigen KI-Entwicklungsmoratorium gerufen, um während dieser Pause Zeit zum Nachdenken zu gewinnen. Selbst das wird aufgrund der menschlichen Unfähigkeit, sich selber zu beschränken, nicht gelingen. Wir werden die Entwicklung nicht aufhalten. Wir haben allerdings die Wahl, begeistert oder pragmatisch mit zu machen, uns zu widersetzen oder uns zu entziehen. Wir können (noch) entscheiden, wie viel Maschinen-Intelligenz wir in unser Leben lassen wollen und werden, was davon und wie viel wir selber nutzen und aktiv einsetzen. Mir drängt sich seit geraumer Zeit das Bild dieses Entscheidungs-Szenarios auf: Wollen wir Bäume umarmen oder mit Maschinen kopulieren?

Mein Nachdenken hat erste Konsequenzen: Hier auf Irlandnews werden Chatbots und Maschinenintelligenz keine Beschäftigung finden. Hier wird es keine von ChatGPT und Konsorten geschriebenen Texte geben, die auch von einem Menschen stammen könnten (außer zu Zwecken der Aufklärung, der Erklärung und der Entlarvung). Hier wird es keine Simulationen geben. Versprochen. Was Sie in diesem Web-Magazin lesen, ist auch künftig garantiert von mir und meinen KollegInnen recherchiert, erlebt, erdacht und geschrieben. Gleichzeitig werden eher lapidare Beiträge, die nun genauso gut von einem Chatbot wie von einem Menschen fabriziert werden können, allmählich von Irlandnews verschwinden. Wir sind unterwegs auf der Reise in die neue Zeit – und werden von unterwegs berichten.

Irlandnews ist nach amazon-frei und facebook-frei auch chatbot-frei. Wir bleiben natürlich. Authentisch menschlich.“

 

Dabei ist es bis heute geblieben und wird es auch in Zukunft bleiben. Einzige Ausnahme: Ich setze Perplexity für komplexe Recherchen ein und überprüfe das Ergebnis danach anhand der offen gelegten Quellen. Das spart mir viel Zeit, ich schätze die Zeitersparnis bei der Quellen-Recherche auf 90 Prozent. Das Ergebnis der KI-Recherchen ist meistens überzeugend. Die Arbeit der Großen Sprachmodelle, egal ob amerikanischer oder chinesicher Provenienz, hat sich in den vergangenen zwei Jahren erschreckend verbessert.

Dieser Kompromiss kompromittiert mich in gewisser Weise, und ich fühle mich nicht vollkommen wohl damit. Genauso wäre es, wenn ich die KI bei der Recherche nicht nutzen würde. Ich habe beschlossen, das in kauf zu nehmen und die Widersprüchlichkeit zu akzeptieren – auch weil ich in der gewonnenen Zeit mehr und besser schreiben kann. Das Versprechen gilt: Hier auf Irlandnews wird es keine von ChatGTP und Konsorten geschriebenen Texte geben – und auch keine mit KI produzierten Bilder und Fotos. Wir schreiben alle Texte komplett selbst und zeigen authentische altmodische, meist selber gemachte Fotografien.

Die Enteignung der Inhalte-Produzenten durch die KI-Konzerne schadet derweil nicht nur den großen Medienhäusern, sondern auch kleinen Unternehmungen und Projekten wie Irlandnews. Die Herausgeberin des Roaringwater Journal, eines feinen kleinen Blogs, den ich regelmäßig mit Gewinn lese, hat sich gerade dazu geäußert, wie die KI ihrem Website-Projekt das Wasser, beziehungsweise die Besucher und die Nachfrage abgräbt. Finola Finley schreibt:

Früher erschien bei einer Google-Suche eine Liste mit blauen Links – wenn man auf einen Link klickte, gelangte man zur jeweiligen Website. Suchmaschinen sorgten für viel Traffic auf unserer Website.

Wenn man heute sucht, sieht man als Erstes meist etwas, das als AI Overview bezeichnet wird. Zwar gibt es (noch) Links zu Roaringwater Journal und anderen lokalen Seiten, aber viele Menschen lesen nur die AI Overview und klicken nicht weiter. Wer ChatGPT nutzt, bekommt die Informationen direkt in komprimierter Form serviert – ohne Link zur Quelle oder weiterführenden Informationen.

Perplexity fügt kleine Zahlen am Ende der Absätze ein, die als Links zu den Quellen dienen – ob man sie bemerkt oder anklickt, ist fraglich. Claude macht etwas Ähnliches, scheint aber den Großteil seiner Informationen aus Wikipedia zu beziehen.

Die KI-Unternehmen haben das Internet durchkämmt, um ihre Large Language Models (LLMs) zu trainieren. Wo Informationen aus dem Roaringwater Journal stammen, geschah das ohne mein Wissen oder meine Zustimmung. Früher war das kein Problem – Google sammelte zwar Inhalte, leitete den Suchenden aber zurück zum Roaringwater Journal – „Klicken Sie auf diesen blauen Link für weitere Informationen.“ Heute werden all meine harte Arbeit und sorgfältige Recherche einfach als Rohstoff für riesige Suchmaschinen benutzt, die die Inhalte so präsentieren, als stammten sie von ihnen selbst. Für Bloggerinnen und Blogger, die auf Website-Traffic angewiesen sind, um Einnahmen zu erzielen (ich gehöre nicht dazu), ist das ein noch gravierenderes Problem.

Zwar ist der Traffic zum Journal (also Menschen, die auf der Seite landen und tatsächlich lesen, was wir geschrieben haben) ein wichtiger Anreiz, weiterzumachen, aber für mich ist er nicht alles – das Schreiben hat für mich auch viele andere Beweggründe. Sollte der Abwärtstrend jedoch anhalten, kann ich mir gut vorstellen, dass ich – und viele andere – irgendwann inne halte und sich fragt, ob all unsere Mühe nur noch dazu dient, Inhalte zu liefern, die ein paar Tech-Bros zu Multimilliardären machen.“

Finolas Blog, auf dem sie hochwertige und aufwendig recherchierte Beiträge über die Geschichte, Archaeologie, die Landschaft und die Kultur von West Cork veröffentlicht, hat innerhalb von einem Jahr etwa 20 Prozent seiner Leserschaft verloren. Finola ist damit nicht allein, was uns alle trotzdem wenig tröstet. Auch die Abrufzahlen von Irlandnews und vieler anderer kleiner Websites sind unter Druck geraten. Da Irlandnews nie ein kommerzielles Medium war und seine Kosten über die Spenden von wertschätzenden Leserinnen und Lesern teilweise kompensieren kann, sorgen wir uns nicht um den Verlust von Einnahmen – wohl aber um den Verlust von Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit. Ich halte deswegen mit Finola inne und denke nach . . .

Fürs Erste haben wir unseren Webmaster gebeten, die technischen Möglichkeiten auszunutzen, um Gegenwehr zu leisten. Heute schrieb Christian in der ihm eigenen Prägnanz:

„Ich habe alle derzeit bekannten AI Bots ausgesperrt: GPTBot|ChatGPT|CCBot|anthropic|Claude|DeepSeek|KimiBot|QwenBot|HunyuanBot|PerplexityBot|Google-Extended

Ob das funktioniert, wird sich zeigen. Nützen wird es nur, wenn sich viele andere Website-Betreiber auch zu diesem Schritt entschließen. Sollten sich alle wichtigen Inhalte-Produzenten gegenüber den Enteignern in den KI-Zentralen abschotten, dann würden die KI-Tools sich bald nur noch um sich selber drehen und mangels neuem Futter an Techno-Inzucht langsam zugrunde gehen. Vielleicht stellt sich auch die Europäische Union endlich einmal mutig quer und zieht die amerikanischen KI-Firmen zur Rechenschaft. Dass dies so kommen wird, ist unwahrscheinlich, auch weil die überwiegende Mehrheit der Menschen gerne und unkritisch konsumiert, was Ihnen als lebenserleichternd, als nützlich, als neu und trendy angeboten wird.

Träumen ist dennoch erlaubt.

Deine Meinung interessiert mich!

PS: Mein Schreibprojekt, das Irische Buch der Tage und Ortegeht auf die letzte Meile. Ich hatte mir vorgenommen, für diesen Zyklus 120 wahre Geschichten aus und über Irland zu schreiben. 111 Stories stehen jetzt online. Wer Lust hat im Buch der Tage und Orte zu blättern und zu lesen, hier geht es lang: www.irland.life

 

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Foto: Markus Bäuchle. Blick in die Zukunft durch ein Loch im rostigen Wrack der Plassy auf Inisheer, Aran Islands, 1981.