Eigentlich war Irland nie so, wie es einmal war

Wanderer treffen unvermutet Irlands Ministerpräsidenten Leo Varadkar (Mitte) auf Irlands höchstem Berg*

Eigentlich war Irland nie so, wie es einmal war. Zum Beispiel: Die klassenlose Gesellschaft existierte auch im alten Irland trotz der oft gehörten Behauptung nie. Allerdings pflegten die Menschen hier auf der Insel, und dies vor allem auf dem Land, einen fairen und egalitären Umgang miteinander. Im Klartext: Man tat so, als ob es keine Unterschiede zwischen arm und reich, zwischen hoch gebildet und weniger gut gebildet, zwischen Elite und Volk gäbe.

Die Zeiten haben sich durch wachsenden Wohlstand und größere finanzielle Spielräume natürlich auch hier geändert. Die Menschen wollen sich zunehmend unterscheiden, das Vergleichen und Wetteifern hat deutlich zugenommen. Keeping up with the Joneses hat seine irische Entsprechung: Keeping up with the O`Sullivans.

Und doch unterschiedet sich das Leben hier auf der Insel noch immer deutlich vom kontinentalen. Golf beisipelsweise ist hier auf den meisten Plätzen noch immer ein dünkelfreier Volkssport, den sich aufgrund manierlicher Mitgliedbeiträge die meisten Menschen leisten können. So spielt der Fischer mit dem Farmer und dem Bauunternehmer.

Große irische Künstler, die „in Europa“ mühelos große Hallen füllen, spielen zuhause gerne auch vor ganz kleinem Publikum auf den Dörfern. Es hat seinen ganz eigenen Reiz, einen Luka Bloom mit 100 Zuhörern in Castletownbere, oder die großartige Akkordeonistin Sharon Shannon vor 250 Menschen im Beara-Dörfchen Allihies zu hören.

Und auch die gerne als „abgehoben“ gescholtenen Spitzenpolitiker sind hier noch Menschen zum Anfassen. Die meisten bewegen sich ungezwungen und ungeschützt als „normale Menschen“ in der Öffentlichkeit.  Genau genommen ist man vor ihnen nirgendwo sicher.

Diese Erfahrung machte vor kurzem auch der örtliche Farmer Pat ‚The King‘ Harrington aus dem benachbarten Örtchen Coomhola. Der wandernde Pat war an diesem herrlichen Sommertag mit seinen fünf Begleitern kaum am Gipfelkreuz von Irlands höchstem Berg, dem Carrauntuohil im County Kerry (Höhe 1039 Meter) angekommen –  noch war das Picknick nicht ausgepackt, als Ciara O`Dscoll Murphy in der sich ebenfalls dem Gipfel nähernden Dreiergruppe den Taoiseach, den irischen Ministerpräsidenten ausmachte.

Taoiseach Leo Varadkar setzte sich ungezwungen zu Pat (im Foto rechts) und der Gruppe – man aß zusammen Sandwiches und freute sich über die Leichtigkeit des Seins auf dem Dach Irlands an diesem wundervollen Sommertag – weit weg von  Medienrummel, Sicherheitskordons, Bodyguards, dicken schwarzen Limousinen und TV-Kameras.

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* Die True Story über den King und den Taoiseach auf Irlands höchstem Gipfel hat unser Bekannter Mark Boyden aus Coomhola in dieser Woche im lokalen Wochenblatt Southern Star geschrieben. Das Photo auf dem Carrauntoohil machte Brendan Douglas, ein Begleiter von Pat ‚The King‘ Harrington.

 

Von |2018-10-18T07:18:56+00:006. September 2018|0 Kommentare

Über den Autor:

Markus Baeuchle
Autor, Journalist und Wanderer. Lebt in Glengarriff im Südwesten Irlands. Mit Markus und seiner irischen Outdoor-Firma Wanderlust können Sie Irlands faszinierende Natur von den schönsten Seiten zu Fuß erleben.

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