Die bessere Zukunft beginnt mit dem nächsten Einkauf

Von |14. Januar 2019|4 Kommentare

Die Innenstädte veröden. Dämmerung in Cork City.

 

Wie wird diese Frau zur reichsten Frau der Welt? Durch die Scheidung vom reichsten Mann der Welt. Er heißt Jeff Bezos, sie heißt MacKenzie und noch Bezos. Zusammen hat das Paar ein Vermögen von geschätzten 137 Milliarden Dollar angehäuft. Das reichste Couple der Weltgeschichte. Schön für die beiden, und vordergründig schön für die Welt.

Denn mit der Erfindung und dem zügigen Ausbau von Amazon zum globalen Monsterkonzern hat Jeff Bezos den westlichen Konsumkapitalismus zur Perfektion getrieben: Wollen wir den totalen Konsum? Na klar. Warenwelt  total? Super. Alles ist überall und jederzeit verfügbar. Auf Knopfdruck morgen früh an die Haustür geliefert. Sofern man und frau im fetten Teil der Welt leben und das Geld oder zumindest ein tolerantes Kreditlimit haben.

 Schön für die Welt? Na ja. Den unvorstellbaren Reichtum der Wenigen bezahlt der große Rest der Welt teuer, wenn auch freiwillig, weil es doch sooo bequem ist, bei Amazon zu bestellen. Der Preis: Gegen den Online-Giganten, der sich seiner Steuerpflichten in den Ländern Europas clever entledigt, haben kleine Einzelhändler und stationäre Geschäfte kaum eine Chance. Der lokale Handel leidet, die Innenstädte veröden, die Vielfalt stirbt. Statt dessen überzieht Amazon die Fläche mit gigantischen Logistikzentren, in denen Menschen für wenig  Geld und ohne Mitbestimmung arbeiten. Die Gewinnmargen und Profite, die früher den Kreislauf der lokalen Wirtschaft gestärkt haben, werden heute aus den regionalen und lokalen Wirtschaftsräumen weitgehend abgesaugt und landen in den Taschen der globalen Eliten.

Wie putzig, dass Jeff Bezos sich mit seinen Milliarden als wohltätiger Gönner ( Bezos Stiftung) geriert und auch noch für die von ihm maßgeblich mit verursachte Zerstörung der Ressourcen auf der Erde nach einem Ausweg sucht: Den Mann treibt es zum Mond und darüber hinaus. In Kolonien dort oben und dort draußen soll die Menschheit, will heißen ihr elitärer kleiner Teil, überleben, wenn es auf unserem blauen Planeten nichts mehr zum Überleben gibt. Schön für die Welt?

Jeff Bezos ist einer, der sich für den neuen Master of the Universe hält, aber er ist nicht ganz alleine: Konzentration, Oligopole, Manipulation, die Bedrohung der Wahrheit und eine  sich verschärfende Ungleichheit. Statt blühender Netzwerk-Landschaften leiden wir in Europa nach einem Vierteljahrhundert Internet unter den Verklumpungen des Plattform-Kapitalismus – und Amazon ist nur der Monster-Klumpen.

Monopole und Oligopole: Zwar wurden wie früher vermutet viele Handelsstufen durch die Online-Technologie überflüssig gemacht, doch an deren Stelle schoben sich unverhofft mächtige Branchen-Monopole und Handels-Oligopole. Von A wie Amazon bis U wie Uber. Das Fatale: Der Plattform-Kapitalismus hat die bestehende Ungleichheit in der Welt noch drastisch verschärft. Wenige Big Players nehmen sich die größten und meisten Stücke des Kuchens. The winner takes it all. Auf der Strecke bleiben kleine Unternehmen, kleinere Wettbewerber, die Infrastruktur, unsere Lebensverhältnisse und unsere lokalen Gemeinschaften. Eine kleine Gruppe von Investoren und Anteilseignern streicht optimierte private Gewinne ein, die der Allgemeinheit und dem Gemeinwohl entzogen werden – und die europäischen Werte gehen im Internet unter. Vor allem amerikanische Digitalkonzerne bestimmen die Realität der westlichen Welt.

:: Airbnb beeinflusst die Wohnungsmärkte weltweit negativ, erschwert es Einheimischen, preiswerten und günstig gelegenen Wohnraum zu finden.

:: Amazon zerstört den Einzelhandel und die Infrakstruktur unserer Innenstädte.

:: Booking.com beherrscht vielerorts das Hotel-Business aufgrund seiner Marktmacht.

:: Deliveroo nimmt den Restaurants das Geschäft aus der Hand und verkleinert die Gewinn-Margen der Hersteller.

:: Uber macht aus Menschen taxifahrendes Prekariat – und befeuert das Verkehrsaufkommen in den Städten.

:: Facebook pervertiert unsere Kommunikationsbedürfnisse und macht uns zu willfährigen Produkten der globalen Werbe- und Meinungsindustrie.

:: Google bestimmt, wer im Internet gesehen wird und wer nicht. Google macht Märkte, zwingt Marktteilnehmer zu Eintrittsgebühren und macht das Internet zu einem umzäumten Raum, zu seinem eigenen Internet. Google ist keine Suchmaschine, wie viele meinen, sondern eine virtuelle Mauer mit Eingangskontrolle und Kassenhaus.

 

Das Muster des Plattform-Kapitalismus: Die Kontrolleure des Internets beherrschen die Märkte, bestimmen die Spielregeln und beeinflussen maßgeblich, wie wir leben. Sie ziehen massiv Geld aus den lokalen Märkten ab, das in den Taschen einiger weniger Investoren landet. Viele Menschen, deren Arbeitsplätze (Mac Jobs und Gig Jobs) an diesen Online-Plattformen hängen, fristen ein karges Leben, Mitarbeiter in Verpackstationen und Fahrradkuriere sind so etwas wie die Sklaven der Gegenwart.

 

Am Ende aber sind wir es . . .

:: die unsere Einlieger-Wohnung über Airbnb vermieten, weil das ein schönes Zusatzeinkommen bringt;

:: die bei Amazon einkaufen, weil man dort alles und zwar sofort bekommen kann;

:: die bei Booking.com unser Ferien-Domizil buchen, weil es so herrlich einfach ist und oft auch noch günstig;

:: dies sich von Deliveroo das Abendessen bringen lassen, weil wir keine Lust haben das Haus zu verlassen oder selber zu kochen;

:: die sich auf Facebook zelebrieren und bei Google suchen und indirekt kaufen – und die beiden Online-Oligopole mit Zeit, Aufmerksamkeit und Geld füttern, um gesehen zu werden.

 

Es liegt also an uns allen, an unseren Kaufentscheidungen und an unseren Handlungen, ob das so weiter geht.

 

Die Alternative: Wir können daran arbeiten, die Selbstbestimmung und Gestaltungsmacht über unser Leben zurück zu gewinnen, unsere Gemeinden und Gemeinschaften zu schützen, wieder Verantwortung für den Ort zu übernehmen, an dem wir leben – und es nicht zuzulassen, dass dieser von anonymen Kapital- und Profitinteressen geplündert und deformiert wird.

Europa

Europa muss handeln, wir müssen handeln.

Jeden Tag gibt es diese Entscheidungen zu treffen: Kaufe ich beim Buchhändler um die Ecke oder bei Amazon? Buche ich direkt beim Hotel, in dem ich übernachten will? Vermiete ich mein freies Zimmer wirklich an AirBnB? Benötige ich Facebook noch? Fahre ich Uber oder U-Bahn? Brauche ich wirklich Zugang zu allen Songs dieser Welt über Apple Music oder Spotify? Gehe ich ins örtliche Kino oder füttere ich Netflix mit meinen Vergnügungs-Euros?

Natürlich müssen wir politisch denken, uns organisieren und zusammen agieren. Natürlich müssen die Staaten und Regierungen sowie die EU ihre Pflicht tun, die Monopolisten in die Grenzen weisen, Gegenstrukturen aufbauen und endlich faire Digitalsteuern erheben. Wieso bezahlt Hauptstraßen-Buchhändler Räuber brav seine Steuern, während sich der Buchhandels-Gigant Amazon erfolgreich darum drückt?  Nur Regierungen können die Digitalkonzerne stoppen, und ihnen untersagen, auf Kosten des Gemeinwohls rücksichtlsos private Gewinne zu maximieren.

Und dennoch lohnt es sich, selber aktiv zu werden, individuell Zeichen zu setzen, wieder politisch zu werden. In diesem Sinne: Lasst uns besser einkaufen (und zur Vermeidung des ökologischen Kollapses: weniger). Die bessere Zukunft beginnt mit dem nächsten Einkauf.

 

PS: Unser Online-Partner im Buchkauf und bei Buch-Empfehlungen hier auf Irlandnews und bei Wanderlust auf www.irland-wandern.de ist der soziale Online-Buchhandel Buch 7. Die faire Alternative zu Amazon.

 

Autor(in) dieses Beitrags:

Markus Baeuchle
Autor, Journalist und Wanderer. Lebt in Glengarriff im Südwesten Irlands. Mit Markus und seiner irischen Outdoor-Firma Wanderlust können Sie Irlands faszinierende Natur von den schönsten Seiten zu Fuß erleben.

4 Kommentare

  1. Songline 18. Januar 2019 um 19:07 Uhr - Antworten

    Sehr guter Artikel. Eine bessere Zukunft beginnt mit jedem Einzelnen von uns. Ich denke, dass die größte Macht bei den Verbrauchern liegt, wenn sie sich zusammtun.

    • Markus Baeuchle
      Markus Baeuchle 15. Januar 2019 um 11:56 Uhr - Antworten

      Klare Ansage von Prof. Felix Ekardt: Wir sind Teil des Problems.Umweltbewusste Umweltsünder. Und ja, die Probleme sind viel komplexer, als sie mit bewusstem und zurückhaltendem Einkaufen lösen zu können. Dennoch: Wir müssen damit beginnen, uns die Probleme Schritt für Schritt im Detail bewusst zu machen und im eigenen Leben endlich wieder Verantwortung zu übernehmen für unseren Konsum und die von uns mit verursachten Schäden. Wir müssen uns nichts vormachen: Unser gesamter Lebensstil und unser Wirtschaftssystem stehen zur Disposition.

  2. Petra Bäuchle 14. Januar 2019 um 11:38 Uhr - Antworten

    Für mich gehört amazon zur Vergangenheit, ebenso Facebook, WhatsApp, Google und Co.
    Es lässt sich wesentlich entspannter ohne sie leben und ich habe nicht den Eindruck etwas zu verpassen

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