
Auch in Kenmare hat die sieben Jahre währende Wirtschaftskrise ihre Spuren hinterlassen. Auch hier stehen, vor allem in Main Street, mittlerweile viele Geschäftsräume leer. Doch noch immer gibt es in Kenmare Geschäfte, die sich in einer typischen irischen Stadt niemals halten könnten: zum Beispiel zwei Verkaufs-Ateliers von Landschafts-Fotografen, zwei Kunstgalerien, oder die Einrichtungsläden für Freundinnen der schönen und doch nutzlosen Dinge, die Modeläden für den kontinentalen Geschmack.
Jimmy McCarthy, der begnadete irische Songwriter, hat Kenmare mit Neidin ein eigenes Lied geschrieben, und wer Glück hat, kann ihn dann und wann in der Carnegie Hall, Kenmares kleinem und immer geschäftigen Kulturzentrum selber singen hören. Doch halt, das soll kein Porträt von Kenmare werden. Um zur Geschichte zu kommen . . .
Kenmare hat neben seinem geschäftigen Straßendreieck auch schöne Natur zu bieten. Es ist zwar ziemlich schwierig geworden, in der Gegend noch offenen Zugang zum Meer zu finden. Weite Strecken der Küste sind längst von besitzhütenden Privateigentümern abgeriegelt worden. Aber es gibt neben dem Pier nahe der Brücke zur Beara Peninsula noch eine rühmliche Ausnahme: Die von Wasser umgebene Halbinsel Reenagross (Grafik oben, Foto unten) ragt im Südosten der Stadt hinein in den Kenmare River, der eigentlich eine Bucht ist, und lädt das ganze Jahr über zu schönen Kurz-Wanderungen ein.
Zu Fuß unterwegs in Kenmare: Das drei Kilometer lange Wegenetz führt durch eine ehemalige Parklandschaft, die an den immensen Einfluss der Lansdownes in Kenmare erinnert. Die Großgrundbesitzer-Dynastie der Pettys, Lansdownes und Bighams mit Stammsitz Derreen House im nahen Killmakilogue, gründete Kenmare im Jahr 1670 und legte den Reenagross-Park an. Das Naherholungsgebiet, Heimat zahlreicher Pflanzen und Tiere, ist von der Pier-Seite und vom Golfplatz her zugänglich.
Doch Vorsicht: Wer sich dem Ausgang zur Stadt am Golfplatz nähert, wird durch Schilder und Mauern zum Umkehren motiviert. Genau genommen hat der Wanderer vier zweifelhafte Optionen: Er kann trotz Verbotsschild quer über den Golfplatz gehen, und sich von einem Golfball erschlagen lassen. Oder er kann sich entlang der Mauer zum Golfplatz-Clubhaus und von dort auf die Hauptstraße schleichen und sich nur ganz eventuell von einem heran sausenden Golfball erschlagen lassen. Oder er marschiert in eine Sackgasse hinter dem Clubhaus und klettert dann über eine hohe Mauer. Schließlich viertens: Er nimmt den (Hotel-Gästen vorbehaltenen) Weg durch den Garten des Park Hotels, dieses alten grauen viktorianischen Kastens aus der Zeit des anglo-irischen Reise-Adels, das sich bis heute mit fünf Sternen schmückt.
Wir entscheiden uns für Option vier und gelangen sicher und stilvoll zurück in die Stadt. Dort fragen wir den alt eingesessenen Buchhändler nach dem richtigen Umgang mit dem Durchgang. Der Mann hat eine irische Lösung für ein irisches Problem: „Es gibt ein öffentliches Recht, dort irgendwo durch zu gehen. Wer über den Golfplatz will, geht eben über den Golfplatz. Wer durch das Hotel gehen will, geht durch das Hotel„. Genau. Eben. Der pragmatische Buchhändler ergänzt: „Ich nehme den sicheren Hotel-Weg. Was sollen sie machen? Sollen sie Dich erschießen?“
Fotos: Markus Bäuchle, Grafik: Kenmare Town


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