„Erst spät lernte ich die Vögel lieben. Jahrelang habe ich sie nur als ein Huschen am Rande des Blickfelds wahrgenommen. Sie kennen Leid und Freude in einer Schlichtheit, die uns verwehrt ist. Ihr Leben wallt auf in einem Puls, den unsere Herzen niemals erreichen könnten.“
(J.A. Baker, Der Wanderfalke)
Eine Woche im Mai verbringe ich in einem geschützten Tal am Ende einer Landzunge in West Cork. Zwischen Meeresklippen und felsigen Hügeln, an einem stillen See und einer Ruine, umgeben von Schafweiden. Seit Jahren komme ich hierher zurück. Und jedes Mal, fast wie verabredet, treffe ich sie wieder: die charismatischen, scheuen Vögel mit ihren auffälligen roten Füßen und dem roten, gebogenen Schnabel. Mit samtschwarzem Gefieder, das im Sonnenlicht bläulich oder violett schimmert. Die irische Alpenkrähe Chough, cág cosdearg, was „Rotbeinige Dohle“ bedeutet, brütet an diesem Ort.
Man kann sie sprachlich leicht verwechseln: Die Alpenkrähe (Pyrrhocorax pyrrhocorax) ist eng verwandt mit der Alpendohle (Pyrrhocorax graculus), der zweiten Art der Gattung innerhalb der Familie der Rabenvögel (Corvidae). Beide teilen bestimmte Erscheinungsbilder – wie das einheitlich schwarze Gefieder und die akrobatische Flugweise –, unterscheiden sich jedoch deutlich in Schnabelform und -farbe sowie in ihren ökologischen Präferenzen: Die Alpendohle hat einen kurzen, gelben, geraden Schnabel, und ist in hochalpinen Zonen oberhalb der Baumgrenze verbreitet.
Der Chough (ausgesprochen: Tschaff), ist das seltenste Mitglied der Krähenfamilie (es gibt sieben Arten in Irland) und weitgehend in der Region von Munster bis Donegal angesiedelt. Aufgrund ihrer Seltenheit in Europa steht sie unter dem Schutz der EU-Vogelschutzrichtlinie und des irischen Gesetzes. Irland hat eine Reihe von Schutzgebieten ausgewiesen, um die Art zu erhalten.

Brut- und Winterplätze in Irland
Die Alpenkrähen sind prinzipiell standorttreu – jedes Jahr nisten sie an denselben Plätzen in Felsspalten an den Klippen oder in alten Gebäuden. In Irland brüten heute etwa 900 Paare, über 30 Prozent davon im County Cork. Clare Heardman, Naturschutzbeauftragte beim National Parks and Wildlife Service (NPWS), erklärt mir vor meiner Reise, „dass viele Paare inzwischen weiter ins Landesinnere ziehen – in verlassene Ställe, Heuschober oder Hütten. Veränderte landwirtschaftliche Praktiken und Störungen machen ihnen zunehmend zu schaffen“.
Um einigen dieser Bedrohungen entgegenzuwirken, stellt der NPWS seit einigen Jahren an besonders gefährdeten Stellen Nistkästen mit Kameras auf, berichtet Heardman: „Das wird uns ermöglichen, einige dieser Faktoren, die sich auf die Population auswirken, besser zu verstehen und herauszufinden, wie wir sie in Zukunft schützen können. Die Recherche-Arbeiten an den Krähen finden vor allem während der Brutzeit statt, aber wir haben auch im Winter weitere Kästen aufgestellt. Außerdem werden wir aufzeichnen, wo die Winterschwärme fressen, und versuchen, die Farbringe der Vögel abzulesen, die wir im Rahmen unseres Beringungsprojekts seit 2022 eingeführt haben.”
Ich wandere allein und achtsam, bin mit allen Sinnen unterwegs. Es gibt keine vorgegebene Tour mit Ziel, vielmehr Gelegenheit, die Umgebung bewusster wahrzunehmen. Ich blicke oft in den Himmel und halte Ausschau nach den geselligen Vögeln, schärfe den Blick. Jede Richtung bekommt mehr Farbe und neue Bedeutung. Und noch ehe ich sie zu Gesicht bekomme, kündigt sich ihre Gegenwart aus der Ferne an. Ihr markanter Kauzruf ist unverwechselbar, ein klarer, hoher und langgezogener Ton: chee-ow! chee-ow! – key-aww” – key-aww!
Ich sprach mit Einheimischen in West Cork, die sagen, dieser Klang gehöre „zum Soundtrack des Lebens, wenn man hier geboren ist.“ Da die rotschnäbeligen Krähen nicht „wandern“, kann man ihren Ruf das ganze Jahr über an den Steilküsten und auf den landwirtschaftlich genutzten Wiesen an der Nord-, West- und Südküste Irlands hören.
Die Stille, die Einsamkeit des Horizonts weit hinter den Klippen, lockt mich zu jeder Tageszeit hinaus. Ich bewege mich unauffällig an den schroffen Felsen, verharre immer wieder regungslos, geduckt. Auf einem Felsvorsprung lässt sich eine Alpenkrähe nieder. Sie trocknet ihr Gefieder in der Abendsonne, nur wenige Meter von mir entfernt. Sie nimmt mich nicht wahr. Der Wind bläht ihre Flügel wie Segel, und es scheint, als genieße sie diesen kurzen Moment ebenso wie ich. Es ist ein ausgewachsenes Tier. Jungvögel haben bis zum ersten Herbst einen kurzen, eher gelblich bis orangefarben Schnabel, bevor er sich zum kräftigen Rot der Altvögel entwickelt.

Sekunden später wirbelt der Vogel im Aufwind um die Klippen herum. Mit Bewegungen voller Energie und gleichermaßen faszinierender Eleganz, wobei die sechs deutlich gefingerten Flugfedern eine markante Silhouette am Himmel bilden.
Jeden Morgen beobachte ich das Paar bei der Nahrungssuche. Alpenkrähen bevorzugen natürliches, spärlich bewachsenes Weideland, das von Schafen und Kühen kurz gehalten wird. Obwohl sie sich hauptsächlich vom Boden ernähren und in den Grasflächen nach Insekten stochern, ist die Alpenkrähe eine der wenigen Arten, die auch Kuhfladen und Schafdung durchwühlen. Dort finden die Krähen vor allem Fliegen- und Käferlarven, während im Herbst und Winter zunehmend Getreidesamen und Beeren auf den Speiseplan rücken. Sie schreiten mit gemessenem Schritt oder hüpfen in großen Sprüngen, picken, bohren, schauen im Sekundentakt auf, scannen ihre Umgebung – immer bereit, aufzufliegen. Ihre Lebenserwartung liegt bei etwa 15 Jahren, und ich frage mich, wie oft ich dem Paar an genau diesem Ort schon begegnet bin.
Alpenkrähen bereiten das Nest aus Zweigen, das mit Moos, Flechten und Schafwolle ausgekleidet ist. Die ersten Eier werden Ende März/Anfang April gelegt, die Küken schlüpfen ab Ende April. Während der Brutzeit füttert das Männchen das Weibchen im Nest, aber sobald die Küken schlüpfen, versorgen beide Eltern die Kleinen. Das Vogel-Paar „führt“ mich zu ihrem Brutplatz, ich höre von weitem das aufgeregte Gezeter der Küken, ein großes Theater, wenn ihre hungrigen Mäuler gestopft werden. Für mich ist diese Erfahrung ein einmaliges Privileg.

Wenn die jungen Krähen etwa zwei Monate alt sind, nehmen ihre Eltern sie mit in die „Schule“ in eine nahe gelegene Gruppe, die meist aus Jungvögeln besteht. Sie bleiben bei ihnen und füttern sie zwei oder drei Wochen lang, dann lassen sie sie in der Gruppe für sich selbst sorgen. Später ziehen sie mit anderen Artgenossen durchs Land, oft in größeren Schwärmen, wo sie gemeinsam auf Nahrungssuche gehen.
Von Tag zu Tag verändert sich mein Blick auf die Vögel. Sie sind keine flüchtigen Erscheinungen mehr, keine Punkte am Himmel. Manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn wir die Landschaft nicht nur durchwandern, sondern überfliegen könnten. Nicht als Flucht, sondern als Perspektivwechsel. Und dann sehe ich ihnen wieder bei ihren Flugmanövern zu. Sie fliegen wellenartig, auf- und abgleitend, gegen den Wind, in weiten Bögen. Keine zwei Flügelschläge gleichen einander.
Wenn der Aufwind an den Klippen bricht, steigen sie wie schwarze Zeichen in den Himmel, kippen ab – oder verfallen in Sturzflüge, um erst kurz vor dem Boden wieder abzubremsen. Sie sind vielleicht die kunstvollsten irischen Vögel, die besten Flieger, die Loopings und Drehungen vollführen und bisweilen für Sekunden komplett auf dem Kopf stehen. Oft scheinbar nur aus Spaß an der Freude.
Sylvia Plath (1932-1963)* drückt es in ihrem Gedicht Blackberrying wunderbar aus:
“…Overhead go the choughs in black, cacophonous flocks —
Bits of burnt paper wheeling in a blown sky.
Theirs is the only voice, protesting, protesting…”
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„…Über uns fliegen die Choughs in schwarzen, kakophonischen Schwärmen –
Stücke von verbranntem Papier, die sich in einem verwehten Himmel drehen.
Sie sind die einzige Stimme, die protestiert, protestiert…“
Die Geschichte der Beziehung zwischen der Alpenkrähe und den Menschen ist viel enger, als man vermuten würde. Der leuchtend rote Schnabel und die roten Beine haben die Rabenvögel in vielen Kulturen zu einem Symbol für Vitalität und Magie gemacht. In der keltischen Tradition ist Rot eine Farbe der Macht und der Verwandlung, was erklären mag, warum die Red-billed Chough oft mit Geschichten von Helden, Hexen und alten Geistern in Verbindung gebracht wird. Einige Geschichten besagen, dass sie verlorene Seelen leiten oder als Boten zwischen den Welten dienen. Im Mittelalter glaubte man, dass der Anblick dieser Krähe Schutz vor dem Bösen und vor Unglück bietet. Auch heute ist der Vogel auf Wappen und lokalen Emblemen zu sehen und erinnert an die dauerhafte Verbindung zwischen den Menschen und den von ihnen geschätzten wilden Orten.
Gedanken
Mit jedem Tag wächst mein Gefühl der Nähe, wenngleich die Alpenkrähen als scheu gelten. Es ist, als würden mich die Vögel lehren, ihren Lebensraum zu lesen und zu deuten. Ich lebe Achtsamkeit in der Natur, mit der Natur. Hoch oben auf den Klippen und in den Niederungen. In der Abgeschiedenheit öffnet sich ein Raum – nicht leer, sondern voller Gegenwart. Im Dialog mit Wind, Wellen, Vogelstimmen – und doch ohne Sprache. Wer die Einsamkeit nicht liebt, der liebt die Freiheit nicht. Abends klingen die Rufe der Choughs noch lange mit einem ausweitenden, verhallenden Echo nach, das langsam mit dem Wind und hinter den Klippen davongetragen wird.
Ich ertappe mich bei dem Wunsch, die eigene menschliche Gestalt ablegen zu können, um in die Wildheit der Vögel zu schlüpfen. Für einen Moment, für einen Tagtraum – um zu spüren, wie es ist, frei zu sein von allem, was uns bindet. Mal weg fliegen aus einer durch-diagnostizierten, ultra-optimierten Gesellschaft.
Und dann bilde ich mir ein, dass unsere Seele mit den Orten korrespondiert, an denen wir verweilen.
Von einem solchen Ort, und sei es nur für kurze Zeit, will ich die Stimmung mitnehmen. Dorthin, wo der Lärm der eigenen Spezies alles übertönt.
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* Anmerkung: „Blackberrying“ ist ein eindringliches und eindrucksvolles Werk von Sylvia Plath, einer amerikanischen Dichterin und Schriftstellerin, das erstmals 1965, (ein Jahr nach ihrem Tod) veröffentlicht wurde. Das Gedicht reflektiert die Themen Erinnerung, Natur und den Kampf um persönliche Freiheit, verkörpert durch das Bild des Brombeerensammelns.
Foto Credits:
Foto 1 und 6 © Richard T Mills
Foto 2 © Andrew Kelly
Foto 3 (Landkarte) BirdWatch Ireland
Foto 4 © Clare Heardman
Foto 11 © Oliver Nares
Alle weiteren Fotos von Sandra Böttcher
Tonaufnahme: Irish Wildlife Sounds










Ja ist das schön geschrieben, liebe Sandra!
Die Poesie des Augenblicks, Hineinschlüpfen in die Natur und aus dem Einssein gar nicht mehr herauswollen. Wenn wir nur so fliegen könnten!! Ich würde Purzelbäume in der Luft fliegen und Looping mit Sturzflug abwechseln und dabei herzlich jubeln!
Und ja, wer die Einsamkeit nicht liebt, der liebt die Freiheit nicht.
Vielen herzlichen Dank
Kathrin
Vielen Dank, liebe Kathrin!
Tolle Bilder und schöner Text, liebe Sandra!
Freut mich sehr, liebe Ellen!
Vielen Dank liebe Sandra für diese schöne Geschichte über die großartigen Flugkünstler an Irlands Atlantikküste. Sie hätte mehr Zuspruch und Reaktionen verdient. Leider hat die Bereitschaft, sich für ein Geschenk wie diesen Beitrag auch nur mit ein paar Worten erkenntlich zu zeigen, drastisch abgenommen.
Mir war es eine Freude an sich, lieber Markus, die wertvolle Zeit und Erfahrung mit den seltenen Vögeln und in der Abgeschiedenheit an diesem Natur-Ort zu teilen.
Liebe Sandra
Dein Beitrag nimmt einen direkt mit hinein in diese Welt der Alpenkrähen und die Schönheit des Landes am Meer. Es ist egal was man schon alles über diese Vögel weiss: es ist dieses Mittendrin sein in diesem intensiven Natur- Erleben, das Du hier so wunderbar verschenkt hast, einfach schön. Ganz lieben Dank.
Mich hat sofort die Erinnerung gepackt an Begegnungen mit Alpenkrähen und Alpendohlen in der Schweiz. Und ja, alle diese klugen Krähenvögel sind sich in ihrem Verhalten ein bisschen ähnlich… junge Kolkraben spielen ebenso ausgelassen mit Saltos und Pirouetten im Sturzflug … es macht einfach glücklich da nur zuzuschauen…
Wir haben hier oben in unseren Bergen an Rabenvögeln nur Kolkraben, Nebelkrähen, Elstern und Eichelhäher und unten im Tal wo unsere kleine Pass- Strasse runterkommt zwei alte hohe Linden, die (wegen der jahrelangen Nisttätigkeit) schon fast skurrile Formen angenommen haben, weil dort in je einer je eine Kolonie von Dohlen jedes Jahr brütet…
Du bildest Dir nicht ein, dass unsere Seele mit Orten „korrespondiert“ an denen wir verweilen. Es ist genau das, was uns die Seele so voller Glück füllt (oder auch Trauer, je nachdem was es für ein Ort ist), wenn wir mit allem was dort daheim war und ist mit zu schwingen vermögen. Dazu müssen wir aber selbst still werden und offen… Du warst es und ich bin immer noch ganz überwältigt von dem was Du geschrieben und an Fotos dazu geschickt hast.
Ganz spontan fielen mir nach dem Lesen diese Zeilen von dem wunderbaren schlesischen Dichter Joseph von Eichendorff ein:
“ … und meine Seele spannte
weit ihre Flügel aus,
flog durch die stillen Lande
als flöge sie nach Haus.“
Vielen Dank für Deine Zeilen, liebe Sylvia, mir sind tatsächlich alle unterschiedlichen Krähen-Arten in Irland über den Weg geflogen. Die „Choughs“ aber fand ich schon immer besonders, vielleicht wegen ihres markanten Rufes, den man sofort aus der Ferne erkennt. Die Gedicht-Zeilen von Joseph von Eichendorff sind sehr schön, sie drücken vieles aus…
Danke für den ausgezeichneten Beitrag über die Alpenkrähen! Er ist so lehrreich wie sprachlich schön . Besonders wertvoll finde ich die literarische Empfehlung Sylvia Plath.
Blackberrying. Ein für mich neues Beispiel von nature writing.
Das freut mich sehr, lieber Johannes. „Blackberrying“ nimmt den Leser mit auf die Reise von einer äußeren zu einer inneren Erfahrung – und passte sehr gut zu meiner intensiven Zeit in der Natur.