Connemara

John O’Donohue. Irischer Philosoph, Poet und Bestseller-Autor. Wer war der Mensch hinter der bekannten öffentlichen Figur? Teil 10 und Ende der Dekalogie über ein reiches Leben, das jäh endete.

 

Im Juni 2021 reiste ich erneut nach Connemara. Ich wollte Menschen treffen, die John O’Donohue gut gekannt haben, die mit ihm befreundet waren, die wußten, wer er war, der Mensch hinter der öffentlichen Figur.

Ich fuhr von Galway über Spiddal in Richtung Rossaveal, wo John als junger Pfarrer gearbeitet hatte. Wo nur beginnt das Connemara, das ich so mochte? Das Geld aus Galway und Dublin frisst sich immer tiefer westwärts in die alte Einsamkeit der rauhen Landschaft, die John geliebt hatte. Das neue Irland räumt das alte Irland vielerorts achtlos zur Seite. Aus jahrtausendealtem Bauernland machen Bulldozer und Bagger im Handumdrehen Villenland. Irland erfindet sich neu – in Brüchen, ohne Kontinuität. Geld ist jetzt Gott, Konsum die Religion. Property is King.

 

John O'Donohue

John O’Donohue 1997. Foto hr

 

 

Der gute Freund, ganz vertraulich

Im wunderschönen alten Landhotel Screebe House in Rosmuc begegnen sich Vergangenheit und Zukunft im Augenblick. Auf Zoom spreche ich mit einem der besten Freunde John O’Donohues. Er hat den jähen Tod seines Freundes in einem langen kreativen Prozess verarbeitet. Wir überbrücken mit Zoom Jahrzehnte und Kontinente. Der Mann weiß viel, erzählt viel, doch das alles muss für jetzt vertraulich bleiben. Das war die Spielregel.

 

John O'Donohue

John O’Donohue 2007. Foto: HR Hebeisen

Am nächsten Tag besuche ich das alte Haus, in dem John viele Jahre gewohnt hatte (Eine Beschreibung des einsamen Cottages gibt es hier). Es wirkt nun noch verlassener als im vergangenen Herbst. Vor der Haustür, durch die in den vergangenen 13 Jahren kaum Menschen gegangen sind, wächst das Kraut in die Höhe. Dieser Ort hat keine Gegenwart. Am Ende holt sich die Natur alles zurück.

 

 

Die Hebeisens

Die Hebeisens auf ihrem Landsitz

Bei HR und Heidi Hebeisen auf der Insel

Auf einer Insel in einem der vielen Seen Connemaras verbringen die Hebeisens den Sommer in ihrem historischen Landhaus. Hierher, in dieses Kleinod im Pflanzenpark auf der Insel, kam John oft, um seine Schweizer Freunde Hans-Ruedi (HR) und Heidi zu treffen. Oft alleine, bisweilen mit Partnerin. Sie fischten zusammen, speisten und tranken zusammen, führten lange philosophische Unterhaltungen. Sie teilten die Liebe für Connemara, für gutes Essen, erstklassige Weine, feine Kleidung und das tiefsinnige Gespräch.

HR und Heidi luden mich auf die Insel ein, um über John zu sprechen. HR erinnert sich gut an sein letztes Treffen mit John im November 2007. Er machte am Rande von Dreharbeiten einige Fotos von ihm, man verabredete sich für die Feiertage. John hat das Treffen dann kurzfristig abgesagt und ist nach dem Eindruck von Hans-Ruedi unplanmäßig und überstürzt nach Frankreich abgereist.

 

Hebeisen und John O'Donohue

Erinnerung: John O’Donohue mit Hans-Ruedi und Heidi Hebeisen. Fotos: Hebeisen

 

Heidi sagt, John sei in jener Zeit stark unter Druck gestanden. Er habe sich nach einem ganz normalen Leben gesehnt, wollte raus aus dem öffentlichen Leben. Im neuen Jahr stand wieder eine Lesereise in Amerika an. „John wollte nicht nach Amerika, aber er fühlte sich verpflichtet, er hatte es versprochen.“

 


Teil 10 und Ende der Irlandnews Serie über John O’Donohue


 

Heidi meint, dass John zuletzt kein glücklicher Mensch gewesen sei. Die Rolle des Gurus für eine bedürftige, esoterische Anhängerschaft habe ihm nicht gelegen. „John hatte die Büchse der Pandora geöffnet und sah sich nun in eine Rolle gedrängt, die er nicht wollte. Er wollte zurück zu seiner ursprünglichen Existenz.“

 

John O'Donohue

John O’Donohue in England im Jahr 2007. Foto: Pip Wilson

 

Wir sprechen über den Mann John O’Donohue, den Priester und Ex-Priester, der von sich sagte, er habe nie zölibatär gelebt. Die Hebeisens wussten, dass John zahlreiche Partnerinnen hatte. Heidi sagt:

„John war ein Mann für die Allgemeinheit. Er gehörte allen Frauen. Er war nicht gemacht für eine partnerschaftliche Zweierbeziehung“.

Heidi erinnert sich an Spaziergänge mit John, wie er ihr ganz selbstverständlich beim Spaziergang den Arm um die Schulter legte, um gemeinsam zu gehen.

„Er hatte keine Angst vor körperlicher Nähe und vor Berührungen. Er setzte die Berührung auch gezielt ein, um seinen Sätzen und der Kommunikation Ausdruck zu verleihen.“

Bei seinem letzten Besuch bei den Hebeisens sinnierte John über ein neues Buch-Projekt: Er wolle über die Farbe Rot schreiben . . .

 

Dara Molloy

Dara Molloy, keltischer Priester

Ein Gespräch mit Dara Molloy

Zurück in Spiddal. Ein Freitagmorgen im Juni. Ich treffe den keltischen Priester und Zelebranten Dara Molloy. Er ist früh von seinem Wohnort auf der Aran-Insel Inis Mor aufs Festland gekommen. Wir setzen uns für ein langes Gespräch zusammen. Dara und John lernten sich 1985 kennen und freundeten sich an. John arbeitete als junger katholischer Priester in Rossaveal, Dara war katholischer Priester und lebte als keltischer Einsiedler auf Inis Mor.

Dara besuchte John, der in der Nähe des Fährhafens lebte, öfter, bevor er das Boot zurück auf die Aran-Insel nahm. Daras spätere Frau Tess Harper wusste schon Jahre früher von John, sie hatte auch Theologie im Seminar von Maynooth studiert, war einige Jahrgänge jünger. Wenn Dara heute über John spricht, zitiert er immer auch wieder Tess, die den gemeinsamen Freund aus einem anderen Blickwinkel wahrnahm. Über Johns jähen Tod anfang Januar 2008 sagte Dara: „Ich war völlig geschockt, als John starb. In einer Würdigung für den irisch-sprachigen Sender TG4 sagte ich: Wir waren wie Brüder. Denn wir hatten beide als katholische Priester begonnen,  waren beide tief in der keltischen Spiritualität verwurzelt und verließen beide die römische-katholische Kirche.“ Hier das Interview mit Dara:

John hat das Priesteramt nach vielen Konflikten mit der katholischen Kirche aufgegeben, doch sein Abgang war sehr leise . . .
Dara Molloy: John hat sich aus der katholischen Kirche verdrückt, er hat sich nie klar ausgedrückt und ließ die Dinge im Unklaren. Ich habe die Kirche auch verlassen. Am Ende meiner letzten katholischen Messe habe ich auf Inis Mor angekündigt, dass ich die Kirche verlassen und dennoch Priester bleiben würde, um die Keltische Kirche wieder zu beleben. Der Bischof sah darin eine Drohung und wies alle Pfarrer an, mir keinen Zutritt zu einer Kirche mehr zu gewähren. Das war im Jahr 1996 drei Tage lang das Thema in den irischen Medien.
John hat nie dergleichen getan. Es gab keine eindeutige Trennung, Was auch dazu führte, dass die Kirche ihn sofort nach seinem Tod wieder massiv vereinnahmt hat. Ich war so zornig, als ich die Beerdigung mit all den vielen Priestern und Bischöfen sah.

Hat er die Trennung jemals überwunden?
Dara: Nein, er hat den Konflikt mit der Kirche für sich nicht gelöst.

 

Dara Molloy

John O’Donohue und Dara Molloy im Pub auf Inis Mor im Jahr 1997. Foto: hr

 

Welche Entwicklung siehst Du in Johns Büchern, Dara?
Johns frühe Schriften waren katholisch. Dann nahmen sie eine universelle Perspektive ein. Seine Schriften wurden umfassend und waren nicht durch die katholische Doktrin eingeengt. Er erkannte, wo das größere Publikum war. Die zwei Bücher nach Anam Cara entstanden unter dem Druck von US-Verlegern und massiven Vorschuss-Zahlungen. Sie haben für mich nicht die gleiche Magie wie Anam Cara. Erst in Benedictus, seinem letzten Buch zu Lebzeiten, erkannte man den wahren John wieder. John war für mich eine Stimme auf unserem Weg in die Noosphäre.¹

Wer war der Mensch hinter der bekannten öffentlichen Figur?
John hatte seine starke äußere Persönlichkeit und seine verborgene private Seite. Wir haben seine private Seite nie gesehen. Er hat sie nicht gezeigt. Wir liebten John, wir liebten die wunderbaren Gespräche. Aber ich denke, er mochte vielleicht keine intimen Unterhaltungen. Ideen ja, Initimität nein.

John war bekannt für sein lautes, donnerndes Lachen . . .
Ich bin der Auffassung, dass sein lautes Lachen etwas verbarg. Johns Mutter mochte dieses laute Lachen nicht. Es war möglicherweise Teil seiner öffentlichen Rolle.

 


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  • Einen Überblick über das literarische Werk von John O’Donohue gibt es hier.
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War John O’Donohue ein glücklicher Mensch?
Ich glaube nicht. In seinen Schriften und Vorträgen war er viel erfüllter denn als katholischer Priester. Unglücklich ist nicht das richtige Wort. Aber er war sicher nicht erfüllt. Er war nicht dort angekommen, wo er hin wollte. Als Prominenter fühlte er sich nicht wohl, und er war ständig auf der Suche nach der richtigen Partnerin.

Warum nicht?
John war hungrig nach einer Beziehung. Er sehnte sich sehr danach. Er hatte einen Hunger danach. Er war mit so vielen Frauen, aber er hat nicht gefunden, was er suchte. Wir dachten, dass er für eine Liebes-Beziehung nicht gemacht war. Wir hofften aber für ihn, dass er das finden würde, wonach er sich sehnte. John kam aus vielen Beziehungen, als er Kristine traf. Wir hofften sehr für ihn, dass die Dinge nun gut für ihn laufen würden.

John fühlte sich zudem sehr unwohl damit, berühmt zu sein. Als er zum Beispiel gebeten wurde, eine Fernsehserie für RTE zu machen, lehnte er ab. Die RTE-Serie wurde dann von John Moriarty gemacht. Er war nur sehr selten im irischen Fernsehen zu sehen. Eine Ausnahme war der Kampf um Mullaghmore.

John kam mit seinem Ruhm nicht zurecht. Er war ein Guru geworden, er wurde wie ein Guru behandelt. Er wurde zu Promi-Hochzeiten eingeladen, weil er ein Guru war. Die US-Verleger hatten ihn in die Sache rein gezogen. Er musste Bücher liefern, Vorträge halten, tingeln. Und er war mit all dem fertig.

Also wollte er im Winter 2007/2008 sein Leben grundlegend ändern?
John befand sich in einer Übergangsphase seines Lebens. Er hatte mir erzählt, dass er sein öffentliches Leben aufgeben und wieder ein Gelehrter sein würde. Er wollte ein Privatleben. Er war sehr verletzlich in dieser tiefen Übergangsphase.“

 

John O'Donohue am Meer

John O’Donohue 1997 an den Klippen von Inis Mor. Foto: hr

 

Der jähe Tod am 3. Januar 2008 hat einen neuen Anfang verhindert. Bevor wir auseinander gingen, diskutierten Dara Molloy und ich, ob John O’Donohue, der begnadete Sprachkünstler, Schriftsteller und Redner, ein irischer Muttersprachler war, wie in seinem Lebenslauf und in Teil 2 dieser Serie erwähnt. Auf Johns offizieller Website steht: „John O’Donohue wurde 1956 in eine Familie geboren, in der Gälisch als Muttersprache gesprochen wurde“. Dara Molloy wies darauf hin, dass John O’Donohue sein ausgezeichnetes Irisch in der Schule gelernt hat, wie die meisten Schüler in den Sechzigern: „Ich glaube, die Familie hat kein Irisch gesprochen. Auch auf der Beerdigung wurde kein Irisch gesprochen“.

Zurück zu Hause überprüfte ich die irischen Volkszählungen von 1901 und 1911. Dara hatte Recht: Johns Vater und seine Geschwister wuchsen mit Englisch auf und lernten erst später Irisch, in der Schule. John war sehr sprachbegabt: Innerhalb von vier Jahren in Deutschland lernte er, die deutsche Sprache in einer Weise zu sprechen und zu schreiben, auf die die meisten Deutschen stolz gewesen wären. Schon in jungen Jahren hatte er deshalb Irisch so gut wie eine Muttersprache in der Schule gelernt.

 

 

Patrick McCormack Burren

Patrick McCormac in seinem Heim im Burren

Im Burren bei Patrick McCormack

Auf dem Rückweg in den Südwesten besuchte ich den Farmer und Poeten Patrick McCormack im Burren im County Clare (Einen Bericht über den Besuch gibt es hier). Wir sprachen lange über den besorgniserregenden Zustand der natürlichen Welt und darüber, woher die Hoffnung für die Zukunft kommen soll. Der gute Freund von John, der gemeinsam mit ihm den zehnjährigen Kampf gegen das Tourismuszentrum am Burren-Berg Mullaghmore gewann, sprach auch über den allzu früh Gegangenen:

„John hat sein kurzes Leben vor allem damit verbracht, dem spirituellen Impuls nachzuspüren.
Er folgte nicht dem Weg des Rollenspielers, er war jemand, der neue Wege beschritt.

Er war immer im Bewusstsein des kosmischen Christus.
Seine Großzügigkeit kannte keine Grenzen.
Er umarmte die Welt und war nur allzu großzügig.

Er kannte keine Grenzen, er erschöpfte sich.“

Streitbar mit Lelia Doolan

Und schließlich traf ich Johns vertraute Weggefährtin Lelia Doolan, eine Grande Dame des irischen Kulturlebens. Sie ist eine Frau der ersten Stunde im jungen Irischen Fernsehen RTE, sie machte und sie produzierte TV-Serien und Filme, sie schrieb, sie hielt Reden, sie setzte sich für LGBT-Rechte ein, sie leitete das Abbey Theatre und kämpfte gegen die Zerstörung der Natur im Burren und gegen das Corrib Gas Projekt.

Lelia kämpfte auch mit mir. Die energische 86-jährige Frau stellte in Frage, dass Informationen über das Leben von John O’Donohue überhaupt von Relevanz und Interesse seien. Das Werk sei alles, postulierte Lelia Doolan. Die Ideen eines Menschen zählten, und nicht das Private. Dann aber gewährte sie mir doch einige Einblicke in ihre lange und wertvolle Freundschaft mit John. Aus unserem Gespräch in ihrem schmucken Cottage am Meer im Süden des County Galway autorisierte sie einen Satz, von dem schillernd unklar bleiben sollte, ob sich die beschriebenen Qualitäten auf Johns Abschied von der Kirche, seine Abschiede aus Beziehungen oder seinen Abschied aus diesem Leben bezog:

„Wie die Tuatha de Danann konnte John sich seitwärts ins Licht drehen und verschwinden.“

Auf dem Stein des Familiengrabs der O’Donohues in Fanore im County Clare stehen jedenfalls diese Worte: „Ihr Leben ist ein Anderes. Es ist nicht zu Ende.“

 

Connemara

Connemara. Rauhe Landschaft, bedrohte Landschaft

Am Ende der Reise: Neue Fragen

Diese Reise hat mich an faszinierende Orte und zu interessanten Menschen geführt. Ich habe in vielen Büchern gelesen, alte Filme studiert und in Tondokumenten recherchiert. Ich habe mit zahlreichen Menschen gesprochen, die John kannten. Gerade jene, die ihm am nächsten gestanden hatten, sollten am wenigsten Auskunft geben. Sie bauten eine Mauer des Schweigens um das Vermächtnis des Menschen, das sie von anderen wohl nicht interpretiert sehen möchten. So stehen am Ende dieser Spurensuche einige neue Fragen, die mir zu Beginn der Recherche nicht in den Sinn gekommen waren:

* War John O’Donohue ein einsamer Mensch? Blieb er ein Suchender oder fand er, wonach er gesucht hatte?

* War er für die Liebe, die er so tief und so wortreich beschrieb, und für eine liebende Partnerschaft gemacht?

* Konnte er die Trennung von der Kirche als seiner seelisch-geistigen Heimat jemals bewältigen? Hörte er jemals auf, im Innersten ein katholischer Kleriker zu sein?

* Wie stimmig war John mit sich selbst und mit dem, was er als seine ‚Lebensphilosophie‘ publiziert hat?

* War John O’Donohue ein glücklicher Mensch?

 

ENDE

John O’Donohues Signatur

 


 

Das war die Irlandnews-Serie über John O’Donohue

John O’Donohue im Jahr 1999. Foto: dtv

John O’Donohue (1956 – 2008), wuchs auf einer Farm in einem Kalksteintal im Burren, County Clare, auf. Als ältester von vier Geschwistern wurde er Priester, später Schriftsteller, Philosoph und Dichter, Umweltaktivist, Lebenslehrer, Redner, Mystiker und Humanist. Mit Anam Cara, Die vier Elemente (erschienen und erhältlich in deutscher Sprache bei dtv), Eternal Echoes und Divine Beauty schrieb er Welt-Bestseller. Er  liebte die menschliche Existenz in all ihren Facetten. Sein großes Thema war, das Leben in ganzer Fülle ohne Angst zu leben. Als maximale Verfehlung des Menschseins galt ihm das ungelebte Leben. In Büchern und Vorträgen ermutigte John dazu, mutig das Leben zu leben, das man sich wünscht und das man lieben würde. Es sei wichtig, seine Träume nicht nur zu träumen sondern auch zu verwirklichen und so seine Bestimmung zu finden – frei von Angst und aus vollem Herzen.

O’Donohue war ein freier Geist, der keltische und christliche Spiritualität, die Mystik Eckharts und die Philosophie Hegels zusammen dachte. Er sah uns Lebende an der Küste des großen Meeres des Unsichtbaren wandeln, die Vorstellungskraft schuf ihm die Brücken aus der sichtbaren in die unsichtbare Welt. Er verstand das tiefe Verlangen der Menschen nach Zugehörigkeit in einer zunehmend sinnentleerten materiellen Welt und war überzeugt, dass der Mensch die Angst vor dem Tod überwinden kann – weil er ein Fortschritt sei, und nicht ein Ende. Auf seinem Grabstein steht: „Their lives have changed not ended.“

Ich denke oft an diesen Menschen, der mich viel gelehrt hat über das Leben, die Seele, die keltische Spiritualität, die Natur. Ich habe ihn nie kennen gelernt, ich las seine Bücher. Wie oft hörte ich seine Worte über die beseelte Landschaft, wenn ich durch das Moor ging, fühlte seine Weisheit, wenn ich durch die Berge zog, verstand seine tiefe Einheit mit der Natur, wenn ich am Meer stand und nach Westen schaute. Am 1. Januar 2021 wäre John O’Donohue 65 Jahre alt geworden. Wäre er nicht vor 13 Jahren völlig überraschend gestorben. Ich hätte ihn gerne gekannt. Im November 2018 habe ich mich auf Spurensuche begeben. Sie begann durch einen Zufall am Grab von John O’Donohue in Fanore im County Clare. Im Jahr 2021 berichtete ich hier auf Irlandnews in zehn Teilen über Ergebnisse dieser Spurensuche.


John O'Donohue

John O’Donohue im Jahr 1997 in seinem Heimatort Fanore, County Clare. Foto: hr

 

Anmerkungen und Foto-Credits

  • ¹ Dara Molloy bezieht sich damit auf die Schriften und Gedanken des Jesuiten Pierre Teilhard de Chardin, der davon sprach, dass sich die Erde mit Hilfe der Menschen zur „Noosphäre“ oder zu einem kollektiven Universalgehirn entwickelt, so wie Vogelschwärme als Einheit handeln, würden dereinst auch die Menschen als Einheit handeln.  John O’Donohue hat Teilhard in seinen Schriften nicht erwähnt.
  • Ein herzlicher Dank an Meinhard Schmidt-Degenhard für inspirierende Fragen.
  • Fotos in diesem Beitrag, sofern im Bildvermerk nicht anders angegeben: Markus Bäuchle
  • Ich danke dem Hessischen Rundfunk (hr), Hans-Ruedi und Heidi Hebeisen und Pip Wilson für die Nutzung der Fotos.
  • Schwarz-Weiß-Porträt John O’Donohue: dtv.
  • Foto John O’Donohue (2007) auf der Startseite: jazz