“ I’m Irish, we keep our clothes on
most of the time.“

„Ich bin Irin, wir behalten unsere Kleider
die meiste Zeit an.“

Jean O’Brien
(in „Skinny Dipping“)

Die Iren sind prüde!

Subjektive Feststellung, oder durch Psychologen und Soziologen wissenschaftlich belegte Tatsache? Wir sind hier kein Uniseminar, sondern geben Lyrikerinnen und Lyrikern der Insel selbst das Stimm-Recht. Zu dieser Frage  ist es heute erneut Jean O’Brien, die wir schon von ihrem Gedicht Still here / Immer noch hier   kennen.

Die Lyrikerin Jean O’Brien

Jean O’Brien lebt und arbeitet in Dublin. Sie hat bereits fünf Lyrik-Sammlungen veröffentlicht: The Shadow Keeper (1997), Dangerous Dresses (2005), Lovely Legs (2009), Merman (2012) und Fish on a bysicle (2017). Im Herbst 2021 wird der neue Band Stars Burn Regardless erscheinen.

Sie nahm an zahlreichen  Wettbewerben teil. Zu ihren Auszeichnungen gehören der Arvon International Poetry Award und der Fish International Poetry Award. In ihrem Brotberuf ist sie Dozentin für Kreatives Schreiben am Trinity College in Dublin.

Viele ihrer Gedichte sind im irischen Lyrikverlag Salmon erschienen, der sich zum Ziel gesetzt hat, Werke von Frauen zu fördern und Schriftstellerinnen und Schriftsteller zu publizieren, die außerhalb des literarischen Mainstreams stehen. Das heutige Gedicht entstammt ihrer Sammlung Merman (2012) und wurde zudem in den renommierten Sammelband Windharp: Poems of Ireland since 1916 (Penguin 2015) aufgenommen.

Sind Iren prüde und wenn ja – warum?

Lassen wir uns das von der Lyrikerin selbst erklären. Bei einer Einführung in ihr Poem Skinny Dipping sprach sie über die Hintergründe des Gedichtes:

„Ich war in Texas bei einer Künstlerin, mit der ich gerade zusammenarbeitete. Sie hatte einen schönen Swimmingpool, wie man ihn in Texas hat. Sie schlug vor, dass wir schwimmen gehen…. Und diese Frau ist ungefähr so alt wie ich jetzt, aber viel besser in Form. Sie lebt in Texas und hat ein bisschen was an sich machen lassen und sie isst sehr vorsichtig und hält es sehr gut durch. Als wir also zum Pool kamen, bin ich dort in meine Badezeugs geklettert und sie sah mich an und sagte: „Oh, wir baden nackt in Texas, Schatz!“ Wäre ich 30 gewesen, hätte ich es gerne gemacht, so aber sagte ich spontan:  „Ich bin Irin. Wir ziehen unsere Kleider nie aus!“ … Ich dachte, da spräche plötzlich eine Nonne durch mich aus meinem Mund heraus….Und ich fand das urkomisch, und natürlich musste ich meine verdammten Sachen ausziehen.“

Hier führt sie in das Gedicht ein und liest es.

 

Fragen wir die Lyrikerin

Neugierig darauf, wie Jean die Einflüsse dieser plötzlich aus ihr heraus platzenden Nonne heute einschätzt, welche Rolle der Katholizismus in ihrer Erziehung spielte und wie sie auf ihre Jugend blickt – darüber habe ich mit Jean ein Mail-Interview geführt. Sie gab sehr persönliche Eindrücke preis, die nicht nur das Gedicht erläutern sondern auch allgemein gültige Aussagen über die Bedeutung der Religion im Irland der 60er und 70er Jahre zulassen.

 

Vier weitere Fragen an…
Jean O’Brien

 

 

Liebe Jean,

da ich bereits ein Gedicht von Ihnen präsentiert habe, wären vielleicht einige (biografische) Ergänzungen zum heutigen Gedicht für die Leserinnen und Leser hilfreich. Darf ich erneut vier Fragen an Sie stellen? Wiederum sehr persönliche?

 

  • Wie sehen Sie Ihre Jugendzeit in den 60ern mit dem Blick von heute?

Die 1960er Jahre waren eine Mischung aus Trauer und Verwirrung über den Tod meiner Mutter Mitte der 1960er Jahre und gleichzeitig freute ich mich über den aufkeimenden gesellschaftlichen Wandel, der Irland und vor allem die Hauptstadt Dublin in den 1970er Jahren erfasste. In mancher Hinsicht war es eine großartige Zeit, wir hatten den ganzen Optimismus der Jugend und kein Wissen über die Welt, wir waren zu fast gleichen Teilen dem Aktivismus (1968 brachen die Unruhen im Norden aus) und dem Hedonismus verpflichtet. Meine Schwester und ich fuhren immer nach London, um unsere Kleidung zu kaufen, weil Dublin nicht schnell genug Schritt halten konnte.

 

  • Erwachsen werden in dieser Zeit. Wie beeinflusste Religion und die konservative Kirche damals Ihr Frauenbild?

Der Konservatismus der katholischen Kirche machte mich wütend, und ich bin mir sicher, dass er auch mich betraf, denn die Gesellschaft sagte uns Tag für Tag, dass wir Frauen das zweite Geschlecht seien, minderwertig. Doch Irland war in gewisser Weise eine matriachale Gesellschaft; daher weiß ich nicht recht, warum wir diese Lüge jemals geschluckt haben. Viele junge Menschen litten furchtbar unter dem Klerus, und in gewisser Weise wurde unsere gesamte Auffassung von Sex durch die Kirche verzerrt. Und alle litten darunter.  Ich verließ die Kirche mit etwa 16 Jahren. In der Hauptstadt konnte man damit durchkommen, aber ich bin mir sicher, dass es in kleinen Gemeinden auf dem Land ganz anders aussah. Ich war immer (und bin es immer noch) sehr empört über die Leichtfertigkeit, die die Gesellschaft den Männern zugesteht, während sie es den Frauen nicht erlaubt.

 

  • Wie sehen Sie die Rolle der Kirche heute?

Der Versuch, in Irland nicht religiös zu sein, war schwierig und ist es vielleicht immer noch ein wenig. Ich habe meine beiden Kinder bewusst nicht taufen lassen und sie auf konfessionslose Schulen geschickt. Ich wurde ziemlich unter Druck gesetzt, sie „wählen“ zu lassen, aber wie könnte man in einem Land, das damals zu 99 Prozent katholisch war, „wählen“, außer indem man gar nicht erst eintritt. Zum Glück hat sich der eiserne Griff der Kirche auf die Gesellschaft heutzutage stark gelockert, und viele jüngere Menschen messen ihr keinerlei Bedeutung bei. Auf lokaler Ebene kann sie eine gute Gemeinschaft für ältere/isolierte Menschen sein. Ich frage mich manchmal, ob es für meine Kinder ein Verlust darstellte, die Erfahrung der Pracht und der Majestät der Gottesdienste und natürlich des Lateins nicht gemacht zu haben.

 

  • Wenn Sie der jungen Jean etwas mit auf ihren Weg geben könnten, was wäre das aus heutiger Sicht?

„Das ist eine schwierige Frage; da gibt es wirklich so viele Dinge! Wahrscheinlich wäre das Wichtigste, mehr Selbstvertrauen zu haben und zu wissen, dass die meisten Angelegenheiten am Ende gut ausgehen. Ich hätte mein junges Ich auch dazu gedrängt, meine Reise in die Poesie früher zu beginnen. Wir haben hier in Irland ein Sprichwort: ‚Lass dich von den Neidern nicht unterkriegen‘.

 

Herzlichen Dank, liebe Jean, für die Offenheit.

(Übersetzung W. Bartholme)

 


Alle Gedichte der Irlandnews-Serie Lyrik am Sonntag können Sie hier aufrufen: