Irland im Herbst 2017: Forty Shades of Greed 2.0?

 

Irland im Herbst 2017. Geht es den Menschen auf der Insel nach der langen und tiefen Wirtschaftskrise wieder besser? Dublin boomt, Cork auch. Auf dem Land kommt die wirtschaftliche Erholung langsamer an. Und doch fühlt man sich auch hier schon wieder erinnert an den Wahnsinn der Boomjahre. Die Hauspreise rangieren längst wieder jenseits des vernünftigen Maßes, Mietwohnungen in Städten sind kaum noch zu bezahlen. Explodierende Hotelpreise rufen Erinnerungen an wilde Zeiten wach. Die Flotte nagelneuer Autos wächst ohne Tempolimit. Kehrt der Hyper-Konsum und die Gier zurück?

Beginnt das Age of Greed 2.0 auf der Insel? Mein Freund Eugene meint: Klar. Nur dass in der nächsten Runde die unbekümmerte Naivität aus den Celtic Tiger-Jahren einem berechnenden Egoismus weicht. Keiner will mehr der Verlierer sein. Aus gegebenem Anlass hier ein acht Jahre alter Irlandnews-Beitrag aus dem September 2009:

Kalifornien anfang der 60-er Jahre. Der noch immer junge Country- und Folk-Sänger John R. Cash probiert musikalisch Vieles. Zwei Jahre, bevor Johnny den „Ring of Fire“ schreibt, singt John R. spanisch, deutsch, drückt seine Verbundenheit mit Irland und einer irischen Liebe in mehreren Liedern aus. Die bekannteste Irland-Ode des späteren „Man in Black“ sollte „Forty Shades of Green“ werden – und der Song-Titel machte Karriere als „ur-irischer“ Begriff. Seidem sagt man, vermeintlich im Stile der alten Iren, die „Emerald Isle“ habe „Forty Shades of Green“, 40 Schattierungen der Farbe Grün.

Während die irischen Tourismusvermarkter Johnny Cash in alle Ewigkeit dankbar sein dürfen, fragen sich Generationen von Irlandurlaubern, ob das wirklich stimmt mit den 40 verschiedenen Grüns und wer sie eigentlich jemals gezählt hat. Ganz nüchtern betrachtet versammeln sich in Irland alle Grüns der Welt. Die Farbe Grün mischt sich aus den Farben Blau und Gelb – und dies in prinzipiell unendlich vielen Abstufungen. Der Mensch kann bis zu 20.000 Farbabstufungen unterscheiden. Der Schluss liegt also nahe, dass die Beschränkung auf nur 40 Grüns der literarischen Freiheit des Songpoeten Cash entsprang und es sich um eine glatte Untertreibung handelt.

Johnny Cash starb im September 2003 in Nashville. Er hat die schlimmsten Exzesse des irischen Wirtschafts-, Bau- und Konsum-Wahns nicht mehr erlebt. Ansonsten hätte er seinen berühmten Song in „Forty Shades of Greed“ umgeschrieben – wobei auch hier zu fragen wäre, ob sich die Spielarten der Gier auf der Insel wirklich auf 40 beschränken lassen.

Grün, die Farbe der katholischen Kirche wie die des Islam, der Unerfahrenheit und der Passivität, der Erholung und der irischen Nationalisten, ist auch die Farbe des Neides. Den Neid widerum, hässlicher Bruder der Gier, kennt man in seiner irischen Ausprägung „Neid und Missgunst“ als Begrudgery. Begrudgery gilt als die Irische Krankheit. Man spricht davon, dass jemand „grün vor Neid“ ist, benutzt dafür aber den Begriff „envy“: Green with envy.

Green with envy, green as ivy. Grün wie Efeu. Kehren wir zur beruhigenden Wirkung eines Spazierganges im schier unendlichen Kosmos des irischen Natur-Grüns zurück. Legen wir uns  in eine der noch immer grünen Wiesen, zählen wir die vielen wunderbaren Schattierungen im weiß-blauen Himmel und hören dazu aus Cash´s Alterswerk den Song „Nobody“.

 

Forty Shades of Green

I close my eyes and picture the emerald of the sea;

From the fishing boats at Dingle to the shores of Dunadee.

I miss the River Shannon and the folks at Skipparee;

The moor lands and the mid lands,

with their forty shades of green.

But most of all I miss a girl in Tipperary town,

And most of all I miss her lips as soft as eiderdown.

Again I want to see and do the things we’ve done and seen,

Where the breeze is sweet as Shalimar,

And there’s forty shades of green.

I wish that I could spend an hour at Dublin’s
churning surf;

I’d love to watch the farmers drain the bogs and spade the turf.

To see again the thatching of the straw the women glean;

I’d walk from Cork to Lairn to see their forty shades of green.

But most of all I miss a girl in Tipperary town,

And most of all I miss her lips as soft as eiderdown.

Again I want to see and do the things we’ve done and seen,

Where the breeze is sweet as Shalimar,

And there’s forty shades of green.

 

 

Fotos: Markus Baeuchle

[ed2009209]

von | 2017-09-19T10:22:11+00:00 12. September 2017|1 Kommentar

Der Autor:

Autor, Journalist und Wanderer. Lebt in Glengarriff im Südwesten Irlands. Mit Markus kann man in Irland wandern gehen: www.irland-wandern.de

One Comment

  1. Nobody 21. September 2009 at 19:51 - Reply

    Oh wow, schöner Artikel, in dem Du den Bogen spannst vom Ursprung des Liedes bis zum Irland der Moderne – alle Schattierungen von Grün, Danke schön.
    Lieben Gruß aus Galway

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