Dzogchenbeara

Der Rohbau: Dzogchenbeara´s buddhistischer Tempel.

Temple can wait. Irlands erster buddhistischer Tempel an der Atlantik-Küste muss auf seine Fertigstellung warten. Der tibetisch-buddhistischen Gemeinde von Dzogchenbeara auf der Beara Halbinsel fehlen nach dem Missbrauchs-Skandal um ihren spirituellen Ex-Chef Sogyal Rinpoche die finanziellen Mittel zur Fertigstellung des Millionen-Baus.  Der früher üppig fließende Spendenstrom hat sich zum träge fließenden Niedrigwasser gewandelt.

2021? In diesem Sommer hat die Träger-Organisation Rigpa die Eröffnung des Tempels, dessen Schrein-Raum einmal 300 Menschen Platz geben soll, erneut vertagt. Es war nicht 2017 und nicht 2018. Es wird nicht in diesem Jahr sein und wohl auch nicht im nächsten. Im Gespräch ist jetzt eine Eröffnung im Jahr 2021. Noch sieht das Leuchtfeuer der Weisheit (Werbe-Slogan) im Rohbau wie ein spätes Bauhaus-Projekt aus. Es fehlen die Kupferdächer, das heilige Außendekor und die Inneneinrichtung. Nach drei Jahren und vier Monaten Bauzeit müssen laut Spenden-Website 1,4 Millionen Euro zur Fertigstellung eingesammelt werden. Auf dem offiziellen Baustellenschild wurde kürzlich der Hinweis auf ein Eröffnungsdatum heraus geschnitten (Foto).

Der Tempel würde das Retreat-Zentrum Dzogchenbeara zu einem anderen Ort machen, wenn Tempel-Personal, buddhistische Mönche und Nonnen in Roben, auf den Klippen von Garranes einziehen. Ob der Tempel 2021 seine Pforten öffnen wird, weiß derzeit allenfalls der Wind, der beständig vom Atlantik herüber weht. Es wird sehr darauf ankommen, wie die tibetisch-buddhistische Organisation Rigpa und die Sangha vor Ort die Vergangenheit bearbeiten und wie sie sich zu ihrem alten Oberhaupt stellen.

Ein neues Buch über Sex und Gewalt im tibetischen Buddhismus. Im Juli 2019 ist das Buch von zwei Autoren erschienen, die sich mit dem Thema lange beschäftigt haben: Sie beschreiben den mutmaßlichen jahrzehntelangen Missbrauch von Schutzbefohlenen durch deren Guru Sogyal Rinpoche und ordnen ihn in den breiteren Kontext des tibetischen Buddhismus ein: In Sex and Violence in Tibetan Buddhism schreiben die AutorInnen Mary Finnigan und Rob Hoogendorn die über vier Jahrzehnte währende Geschichte von Betrug, Missbrauch und Korruption, in der Sogyal Rinpoche vom Flüchtling zum zweitwichtigsten tibetisch-buddhistischen Führer hinter dem Dalai Lama aufstieg. Das Buch erhebt schwere Vorwürfe gegen den Mann mit bürgerlichem Namen Sogyal Lakar, der im Spätsommer 2017 nach massiven öffentlichen Anschuldigungen aus dem inneren Zirkel Rigpas von allen Ämtern zurück trat. Unter anderem geht es um zwei Fälle von Vergewaltigung und um zahlreiche Fälle von sexuellem, psychischem und physischem Missbrauch, der Veruntreuung von Spendengeldern, und von moralischer Korruption. Das Buch kann hier beim sozialen Online-Buchhandel Buch7 bestellt werden (ebenso in jeder guten Buchhandlung): Sex and Violence in Tibetan Buddhism

Retreat oder Flucht. Sogyal Rinpoche hatte sich im Spätsommer 2017 in den “Retreat” verabschiedet, nachdem der lange schon eingeweihte Dalai Lama ihn schließlich mit einem öffentlich geäußerten Halbsatz fallen ließ (“Sogyal Rinpoche, my very good friend, but he is disgraced….”). Sogyal ist an Krebs erkrankt und wurde mehrfach in Singapur behandelt. Die Autoren des neuen Buches vermuten ihn in Thailand, wo er sich vor dem Zugriff europäischer Ermittler zu schützen versuche.

Rückblick. Im Folgenden unser Beitrag vom 23. März diesen Jahres über die Lage und die Verwerfungen in der buddhistischen Gemeinschaft von Dzogchenbeara:

 

Dzogchen Beara, Garranes, West Cork.

 

Garranes, Beara Peninsula im äußersten Südwesten Irlands [23. März 2019]. Hier auf den Klippen über der Bantry Bay entsteht seit der Ankündigung im Jahr 2010 der erste tibetisch-buddhistische Tempel Irlands. Das Millionen-Projekt sollte erst 2017, dann 2018 und schließlich 2019 eingeweiht werden. Doch der Ausbau des buddhistischen Retreats Dzogchenbeara ist ins Stocken geraten. Die Gemeinschaft muss den Abgang ihres in Misskredit geratenen Gurus verkraften. Die Hoffnung immerhin lebt: Der Tempel soll nun im Jahr 2020 eingeweiht werden.

Vor über 30 Jahren hat sich in Garranes, einige Kilometer westlich von Castletownbere, eine tibetisch-buddhistische Gemeinschaft angesiedelt und den Ort in Dzogchenbeara umbenannt. Angeführt wurde die spirituelle Gemeinde von einem heute weltweit berühmten tibetischen Buddhismus-Lehrer: Sogyal Lakar, bekannt als Sogyal Rinpoche. Im Sommer 2017 stürzte eine lange vorbereitete Palast-Revolte von acht ehemals Getreuen den Guru von Beara, dem seit den 90-er Jahren Vorwürfe wegen körperlichen, sexuellen und emotionalen Missbrauchs anhingen. Seitdem ist auf den Klippen von Garranes hoch über dem Atlantik nichts mehr, wie es einmal war. Der Seelenfrieden ist gestört.

Sogyal Rinpoche

Die öffentlich erhobenen Vorwürfe der Acht brachten das System Sogyal zum Einsturz. Sogyal Rinpoche wurde vom Dalai Lama fallen gelassen, er trat von allen Ämtern in der von ihm aufgebauten weltweiten Rigpa-Organisation zurück und verschwand eilig im Langzeit-Retreat. Die britische Anwaltskanzlei Lewis Silkin bestätigte im August 2018 nach einer detaillierten Untersuchung die Vorwürfe: Rinpoche habe zahlreiche, meist abhängige Menschen in seinem Umfeld körperlich, seelisch und sexuell wiederholt, über Jahre und deshalb systematisch missbraucht. Außerdem habe er mit Hilfe der Spendengelder ein exzessives Leben in Luxus geführt, das in krassem Gegensatz zu seinen Lehren steht. (Hier der Untersuchungsbericht in deutscher Übersetzung). Nun kämpfen die 130 Rigpa-Center in aller Welt ums Überleben und für eine andere Zukunft.

Der Guru, dessen große Karriere auf den Klippen von Garranes begann und der in den 70-er Jahren für den Dalai Lama bei dessen ersten Besuchen in Europa als Übersetzer wirkte, ist seit Juli 2017 unbekannten Aufenthalts. Er meldete sich zum Retreat ab. Auf Facebook bat Sogyal Rinpoche seine Anhänger im September 2017, für ihn zu beten. Er sei an Darmkrebs erkrankt. Sogyal Lakars bis heute letzte Nachricht stammt vom 12. November 2018: Der Krebs sei nicht geheilt. Mit Hinweisen auf seine Erkrankung entzog sich der Mann aus Tibet einer Mitwirkung an den Untersuchungen der Anwaltskanzlei Lewis Silkin. Die Spekulationen über den Aufenthaltsort Rinpoches blühen. Er sei in Retreat in Lerab Ling, dem Rigpa-Zentrum in Südfrankreich. Andere wähnen ihn in Indien, in Amerika oder in einem der Himalaya-Anrainerstaaten. Fakt ist: Die Behandlungen seiner Krebs-Erkrankung erhielt der gefallene Guru in Kliniken in Singapur. Er hält sich in Asien auf, möglicherweise in Bhutan oder einem der benachbarten Kleinstaaten, wo er den Schutz der herrschenden Klasse genießt.

 

Buddha Tempel Irland

In Garranes, West Cork, entsteht mit Verspätung der erste buddhistische Tempel in Irland

 

Denn inzwischen ermitteln in Frankreich und in Großbritannien die Behörden gegen Rigpa und ihren Gründer. In Großbritannien sammelt die Charities Commission, die Kontrollbehörde für Rigpa, Fakten und Vorwürfe. Es geht um Fragen der Gemeinnützigkeit und ob die Führung von Rigpa gegen Gesetze verstoßen hat. In Frankreich ermittelt die Polizei. In Irland und Deutschland, wo die Organisation ebenfalls stark vertreten ist, haben die Ermittlungsbehörden bislang keine Aktivitäten zu erkennen gegeben.

Vor kurzem verbrachte ich  einige Tage auf den Klippen von Garranes. Oberflächlich zeigte sich der landschaftlich faszinierende Ort wie immer. Ein Wochenend-Retreat zog achtsamkeitswillige Ir*innen aus dem ganzen Land an, die sich dem Patrick´s-Day-Rummel entziehen wollten. Rinpoches Millionen-Besteller Das Tibetische Buch vom Leben und vom Sterben kann im Buchladen des Zentrums noch immer gekauft werden. Auf den zweiten Blick fiel auf: Hier erinnert nichts mehr an den Gründer Sogyal Rinpoche. Sein Name ist von der Website komplett getilgt. Die Fotos von ihm, früher omnipräsent, sind verschwunden. Auch auf dem Altar im Schrein-Raum sind nur noch die Fotos seiner spirituellen Gefährten und Altvorderen versammelt, sein eigenes wurde entfernt. Hat sich das Wirken des nach dem Dalai Lama zweitbekanntesten tibetischen Buddhisten aufgelöst wie eine kleine Wolke im blauen Himmel über der Bantry Bay?

 

Ein Riss geht durch die buddhistische Gemeinde

 

Das müsse jetzt so sein, erklärt mir eine Eingeweihte der alten Garde. Es gebe von außen zu viel Widerstand gegen den alten Guru. Viele Menschen haben sich von Dzogchenbeara abgewendet, sie kommen nicht mehr zum Meditieren und zum Üben von Loving Kindness (Liebende Güte). Auch Lehrer*innen und Mitglieder des inneren Zirkels haben sich von der Sangha, der buddhistischen Gemeinde, getrennt. Der Spendenfluss hat merklich nachgelassen.

 

Schrein ohne Guru. Der Altar von Dzogchenbeara

 

Im öffentlich zugänglichen Schrein- und Meditationsraum sind die Bilder von Rinpoche verschwunden. Nur ein Stock darüber, im exklusiven Schrein für die ernsthaften Buddhismus-Schüler, die das Dharma in den Mittelpunkt ihres Lebens gestellt haben, ist der alte Meister ganz präsent – auch als Foto. Viele alte Anhänger beten täglich für ihn, verehren ihn und halten ihm die Treue. Hier geht das Leben weiter, als wäre nichts geschehen – hier hält man das Verhalten des Meisters, das in der westlichen Zivilgesellschaft als Missbrauch und Gewalt definiert wird, weiterhin für völlig akzeptabel, ja förderlich. Man spricht dem Guru Crazy Wisdom zu: Schlagen, Beschimpfen, Demütigen und Sex mit Abhängigen gelten in diesem Kontext als weise Handlungen des Gurus zugunsten des bedingungslos ergebenen Schülers, deren Logik sich Normalsterblichen entziehe.

Gegen die alte Garde, die an ihrem Rinpoche eisern fest halten, stehen in Dzogchenbeara heute die Aufklärer, die Liberalen. Sie wollen, dass das Zentrum und seine Dachorganisation Rigpa einen transparenten, ehrlichen und offenen Weg in die Zukunft gehen. Dass das Fehlverhalten der Lamas  – Sogyal Rinpoche ist kein Einzelfall – klar beim Namen genannt wird und dass sich die buddhistischen Gemeinden von ihren gefallenen Gurus unmissverständlich trennen.

Das Problem: Die Gemeinschaft ist heute tief gespalten, hat sich polarisiert. Die Aufklärer-Fraktion hat keine klare Mehrheit und maßgebliche, einflussreiche Mitglieder der Sangha halten weiter zum alten Guru. Zudem müssen sich auch die Liberalen fragen lassen, warum sie über all die Jahre nichts bemerkt haben wollen oder warum sie das boshafte Regime ihres spirituellen Meisters so lange gestützt haben. Derweil rangeln im Hintergrund verschiedene Lama-Dynastien um mehr Einfluss  in Dzogchenbeara und in der Dachorganisation Rigpa.

 

So liegt die Zukunft Dzogchenbearas im Ungewissen. Dem breiten Publikum, das gerne regelmäßig für einige Tage eine Wellness-Auszeit nimmt, wird wohliger Buddhismus mit Meditation und Loving Kindness geboten (“Cinderella Teachings”), während hinter den Kulissen hart um Biografien und Seelenheil, um die Gemeinde, das Dharma und das große Ziel gekämpft wird, den tibetischen Buddhismus im Westen fest zu verankern und damit sein Überleben zu sichern. Im Raum stehen viel Schmerz und viele Traumata von Menschen, die ihr Leben einer Lehre und letztlich einem Menschen gewidmet haben. Wie kann Heilung gelingen?

Wird Garranes auf Dauer Dzogchenbeara bleiben? Viel wird davon abhängen, ob es der Gemeinde auf den Klippen gelingen wird, den ersten buddhistischen Tempel Irlands endlich zu eröffnen und dann auch noch fest zu etablieren. Die damit verbundene Frage: Welche religiösen Kräfte werden dann im Tempel den Ton angeben? Weil die Spendengelder nicht mehr so üppig wie zu besten Zeiten fließen, wurde die Fertigstellung des Millionenprojekts mehrfach verschoben. Der neue Termin ist nun das Jahr 2020. Die Stimmung zumindest wirkt entschieden und trotzig: Jetzt erst recht!

 

Dunkle Wolken über dem tibetischen Buddhismus

 

Ein religiöser Kult? Der tibetische Vajrayana-Buddhismus gilt als besonders magische und esoterische Variante der östlichen Religion. Mantra, Tantra, Mandala: Manche Experten attestieren dem tibetischen Buddhismus mit seinem weiten Götterhimmel sehr viel mehr hinduistischen als buddhistischen Gehalt und manche Kritiker rücken die Lama-Schulen aus Tibet gar in die Ecke von frauenfeindlichen religiösen Kulten mit einer langen Mißbrauchs-Tradition – gegründet auf dem bedingungslosen Unterordnungsverhältnis der Schüler unter ihren Guru. Inzwischen wird die Frage diskutiert: Handelt es sich beim Vajrayana-Buddhismus im Westen um einen religiösen Kult?

Der tibetische Buddhismus jedenfalls hat ein halbes Jahrhundert nach seiner Ankunft im Westen stark an Strahlkraft verloren. Da mag das Lächeln des Dalai Lama noch so sympathisch sein. Zu viele Botschafter der östlichen Lebens- und Heilslehre sind ihrer großen Verantwortung nicht gerecht geworden. Rinpoche ist Teil des Problems, ein prominenter Fall, aber kein Einzelfall. Schon seinem Lehrer Jamyang Khyentse Chökyi Lodrö wurde ein fataler Hang zur physischen Gewalt vorgeworfen. Gerade eben werden die Missbrauchs-Taten des populären tibetisch-amerikanischen Ober-Gurus Sakyong Mipham (“der Marathon-Lama”) Stück für Stück offen gelegt. Shambala, die Zahl der seelisch Wohnsitzlosen wird nicht kleiner.  Manche sagen, das Projekt West-Buddhismus sei gerade gescheitert.

 

Irland Buddhismus

Der Schrein-Raum: Unten ohne und oben mit Rinpoche

 

Meine Meinung: Der irische Sänger Van Morrison kennt die Antwort schon lange: No Guru, No Method, No Teacher. Die Zukunft gehört einer individuell gelebten Spiritualität ohne Umweg über Priester, Guru und Dogma.