Politisch ausgewogene Schankraum-Deko im „Highest Pub of Ireland“, an der County-Grenze zwischen Kerry und Cork bei Kilgarvan
Irlandurlauber interpretieren die hundertausende rot-weißen und grün-gelben Fähnchen, Fahnen, Autowimpel und Hausdekorationen derzeit als freudigen und mannigfaltigen Willkommensgruß für ihresgleichen. Wäre ja wirklich nett. Tatsächlich hat der Farbentaumel in den Straßen, an den Tankstellen, den Geschäften und in den Pubs mit Willkommengesten rein gar nichts zu tun, er ist vielmehr Ausdruck kollektiver Selbstbeschäftigung.

Kenmare ganz in den Farben Kerrys

Irland dreht sich im eigenen jährlichen Ritual: Am kommenden Sonntag, dem 20. September, wird das Endspiel im Gaelic Football in Groke Park in Dublin ausgetragen. Wieder einmal werden die Nachbarn Cork und Kerry um die Krone des irischen Sports kämpfen. Die GAA-Fans auf der Insel, vor allem im Südwesten, tragen derweil verzückt den Wettstreit der Farben aus.
Ballyvourney in Corks Farben

Brot und Spiele. Man gewinnt in diesem Jahr leicht den Eindruck, dass die Fanartikelindustrie auf der Insel nie so geboomt hat wie heute. Alles, was irgendwie angemalt werden kann, leuchtet in den County-Farben. Im Wettbewerb der kleinen Geschmacklosigkeiten liegt die doppelte Auto-Fanfahne auf Plastikstandarte klar vorne – ein Abtrünninger, wer sich das Fantuch mit weiß-roten Karos in diesen Tagen nicht in den Türholm klemmt. Selbst die Mittelstreifen auf grenznahen Straßen haben dumpfe Lokalpatrioten in den County-Farben bemalt.
Rot-weiß tanken in Nord-Cork

Jetzt, wo die Wirtschaftswunderblase zerborsten ist, wo das Selbstwertgefühl still vor sich hin leidet, entfaltet sich das Spiel der Farben zu voller Pracht. Wir sind wir, wir sind Cork, wir sind Kerry; rot-weißer Football-Gott, gib uns Kraft und lass uns wieder wissen, wer wir sind. Cork, eine Herbstlegende. Kerry, einmal mehr das Kingdom of Gaelic Football. Kommt uns Sommermärchen-Darstellern das nicht irgendwie bekannt vor?