Irland Corona

Die Hyazinthen blühen. Als wollten sie sagen: Das Leben geht weiter.

 

Irland in den Zeiten von Corona. Wir leben auf dem Land in Irlands äußerstem Südwesten, in einer Streusiedlung am westlichen Rand Europas, direkt am Atlantik. Auch in dieser einsamen, abgelegenen Gegend wird das Leben jetzt völlig vom neuartigen Coronavirus beherrscht. Wir, Eliane [e] und Markus [m], schreiben ein gemeinsames öffentliches Tagebuch über unser Leben in Irland in Zeiten von Corona. Heute schreibt Eliane . . . 

 

18. März 2020, Mittwoch

 

Irland CoronaGartenfreuden. Ich fühle mich zunehmend gestresst, ausgelaugt. Einerseits möchte ich zumindest grundsätzlich informiert sein, andererseits möchte ich am liebsten den Kopf in den Sand – äh – in die Gartenerde stecken. Selten hat ein Rundgang zwischen Knospen und Blüten so gut getan wie heute.

Das Privileg, einen schönen Garten genießen und pflegen zu dürfen, dazu ganz viel Wildnis und Kiesstrand drumherum, ist in diesen Tagen einfach nur wohltuend. Es gibt genug zu Jäten, zum Umtopfen, zum Schneiden, so dass ich mir von nun an jeden Tag etwas Gartenarbeit verordne.

Die Apfelbäume zeigen erste Blättchen, der einsame und bislang eher faule Birnenbaum auch, die Johannisbeeren sowieso. Der Riesenrhabarber hat bereits rechte Riesenblätter und diverse Pflanzen blühen. Das Leben geht weiter, scheinen sie mir sagen zu wollen.

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Positiv denken. Zugegeben, es fällt mir schwer, positiv zu bleiben. Ich war seit elf Tagen nicht mehr einkaufen, so ein klitzekleines Croissant oder eine Banane wären jetzt super. Doch ich brauche wirklich nicht shoppen zu gehen, wie gewohnt ist unsere Speisekammer gut gefüllt. Erst Mitte Januar sorgten wir für eventuelle, unwahrscheinliche Brexit-Lieferengpässe vor.

Wir lassen uns seit Jahren ohnehin immer von unserem Bio-Großhändler mit Kichererbsen, Linsen, Bohnen, Reis und Nudeln versorgen, dazu haben wir meistens ein paar Kohlköpfe, Sellerieknollen, Kartoffeln von lokalen Produzenten auf Lager. Für solche Zeiten befinden sich auch immer ein paar Flaschen hochwertiger Gemüsesäfte im Regal, im Gewächshaus gibt es momentan frische Physalis, so dass sogar der Obsthunger gestillt werden kann. Denn Stürme und damit verbundene Stromausfälle konnten uns bezüglich der Ernährung noch nie viel anhaben. Nun warte ich jeden Tag voller Unruhe auf das gewohnte Abflauen des “Sturms”. Doch Pustekuchen, der baut sich gerade erst auf!

Ich bemühe für meine nicht gerade rosige Stimmung alles, was ich dazu in meinem langen Leben lernen durfte. Bewusst zu atmen, schöne innere Bilder herauf zu beschwören, stimmungsaufhellende und herzberuhigende Zitrusöle zu inhalieren, hoffnungsfrohe Studien dazu zu studieren, Lieblingsliedern zu lauschen, alte Klamotten zu stopfen, Knöpfe anzunähen, Fotos aus schönen Tagen zu beschriften, etwas zu malen und viel zu schreiben.

 

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Ach, würden sich doch nicht ständig innere Bilder von dem Leid da draußen, beispielsweise in Italien, wo ich einige Freundinnen eingesperrt weiß, dazwischen drängen! Zudem kenne ich so unglaublich viele Pflegende, sie füllen seit vielen Jahren immer meine Aromapflege-Kurse. Engagiert, wissbegierig, immer mit dem Wunsch, ihre PatientInnen auch naturheilkundlich zu verwöhnen. Meine Sorgen gelten ihnen allen: Sie leisten in diesen Wochen mehr denn je  – und werden nach wie vor schlecht bezahlt. Ich wünsche, sie würden für ihren unermüdlichen Einsatz nun endlich Bankdirektoren-Gehälter erhalten, denn es sind genau sie, die den wackelnden Laden nun überall, weltweit, zusammenhalten. Teilweise unter Lebensgefahr.

Doch ich bin dankbar für positive Signale wie das Balkon-Singen der völlig eingesperrten Bürger Italiens. Und ich sauge positive Texte auf, weil ich sie gerade im Moment nicht selbst aufschreiben kann. Unserer lieben Freundin Elisabeth Firsching aus Österreich ist das gelungen, sie schreibt immer sehr inspirierend über die besonderen kleinen Dinge im Leben. Dieses Mal erinnert sie uns daran, diese “besondere” Zeit zu nutzen. Wir dürfen diese folgenden wunderschönen Zeilen mit euch teilen. [e]

 

James Joyce gibt Elisabeth zu denken

Für alle die das Glück haben, zuhause sitzen zu dürfen, weil sie nicht raus müssen für fordernden Dienst an der Allgemeinheit ein paar kleine Anregungen:

Lernt ein neues Hobby mithilfe eines youtube Videos, spielt ein Brettspiel, das schon ewig im Regal staubt, weil eine Spiellänge Stunden dauert. Kocht ein zeitaufwendiges Essen, geht “shoppen” in den Tiefen eurer Schränke (ahhh, hab ganz vergessen dass ich das hab). Setzt euch mit Fotoalben und einem Kaffee gemütlich aufs Sofa, lest das Tagebuch/Reiseerinnerungen, hört Podcasts/Musik. Macht selbst Musik. Telefoniert regelmäßig mit euren Lieben und habt ein offenes Ohr für andere, die eure Hilfe brauchen.
Soviel geschenkte Zeit wird es vielleicht außerhalb des Urlaubs nie wieder in eurem Leben geben.

Es ist eine Zeit, an die wir unser restliches Leben zurückdenken werden. Wie wird diese Erinnerung für dich sein? Wirst du dich den ganzen Tag von einer Flut von ähnlich lautenden Nachrichten/Schreckensmeldungen verrückt machen lassen, nur mehr über das “Eine” reden und dich in einer Angstspirale drehen? Oder wirst du dich zurück erinnern an diese besondere Zeit, die du als Chance begriffen hattest innezuhalten, zu schauen, wie du das Beste aus einer Krisensituation machen kannst und Kräfte zu sammeln für die Zeit danach, wenn neue Herausforderungen unsere ganze Kraft in Anspruch nehmen werden?!

Mach das Beste aus diesem historischen Moment! Sei dankbar dafür was du hast (Mitmenschen, Ressourcen, ein sicheres Zuhause) und bringe dich konstruktiv ein.
Bei allen Begegnungen drücke deine Wertschätzung und Dankbarkeit denjenigen gegenüber aus, die für deinen Schutz und dein Wohlergehen das System weiter aufrecht erhalten!
Also: Fernseher aus, Handyzeit beschränken und für besondere künftige Erinnerungen sorgen! 😁

Ich selbst habe mir “Ulysses” von James Joyce hergenommen und angefangen zu lesen. Das ist so anspruchsvoll geschrieben, dass ich es in diesem Leben noch gelesen zu bekommen aufgegeben hatte 😌😁.

Bleibt gesund und kommt gut durch🙏💖

 

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Der Schaden wird bedeutend sein, aber:  Entgegen seinen bekannten Gewohnheiten hat Irlands Premierministers Leo Varadkar gestern Abend eine starke und emotionale Rede an seine Mitbürger gehalten. In einer seltenen Fernseh-Ansprache bereitete der geschäftsführende Regierungschef die Menschen auf der Insel auf die kommenden Wochen vor. Die Ghostwriter Varadkars zogen für diesen wichtige Rede am Patricks Day sämtliche Register und kreierten eine Mischung aus “Blut, Schweiß & Tränen”, “Wir schaffen das” und “Wir haben uns alle lieb”. Leo, der starke Mann auf Abruf, sprach Klartext zu seinem Volk (unter anderem dies):

“Diese Viren sind der gemeinsame Feind der gesamten Menschheit . . . Dies ist die Ruhe vor dem Sturm, die Flut wird kommen . . . Wir werden solidarisch sein und diese nationalen Opfer gemeinsam bringen . . . Wir stehen vor einem großen nationalen Kraftakt . . . Wir müssen das Virus aufhalten und wir müssen die Ausbreitung der Angst stoppen . . . Die Angst ist selber ein Virus . . . Der Schaden für die Wirtschaft wird bedeutend und dauerhaft sein, die Rechnung enorm, wir werden Jahre brauchen, um sie abzuzahlen . . . Wir kommen zusammen, indem wir uns jetzt voneinander fern halten . . . Cocooning wird viele Leben retten . . . Wir werden das zusammen durchstehen . . . Wir werden Euch beistehen . . . Wir stecken hier alle zusammen drin und wir sind bei Euch . . .”

Und wie lange wird der akute Kampf hier auf der Insel gegen den Feind Corona dauern? Nach Leo Varadkar auf jeden Fall Monate, bis in den Sommer hinein . . . [m]

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Die Tages-Statistik: Die Zahl der identifizierten Covid-19-Fälle stieg in der Republik Irland seit gestern  um 74 von 292 auf 366. In Nordirland sind 68 Fälle bekannt (plus zehn). Damit gibt es Stand Mittwochabend 434 bestätigte Covid-19-Fälle auf der Insel.

 

Foto (oben) & Vignette: Eliane Zimmermann