Irischer Sonntag: Wifi, Wandern und Sehnsucht

Markus Bäuchle WandererIrischer Sonntag. Skandal? In unserem Wanderhaus gibt es kein Wifi und kein Internet aus der Steckdose. Wir hatten uns vor Jahren lange überlegt, ob eine internetfreie Zeit, wie wir sie sehr gerne mögen, auch im Interesse unserer Gäste sein könnte. Wir haben die Gäste mehrerer Wandergruppen schließlich befragt, nachdem sie die internetfreie Woche (üb)erlebt hatten, und das Votum war überwältigend: Sie hatten es ausnahmslos genossen, einmal ganz im wirklichen Leben zu bleiben und die Ruhe einer Facebook– und E-mail-freien Zeit zu genießen. Sie ermunterten uns, diesen Weg zu gehen. Er hat sich bewährt, auch wenn uns in dieser Saison eine einzelne Teilnehmerin bedeutete, das sei ja wohl zweifelhafte  „verordnete Ruhe“. Und so werden wir auch im nächsten Jahr, in unserem neuen Wanderhaus „Ballylickey House und Chalets“ den ultra-modernen Zeiten trotzen und unsere Gäste ermuntern, eine kleine Auszeit von der der virtuellen Parallelwelt zu nehmen (im drängenden und dringenden Fall gibt es natürlich Lösungen . . . ).

Irlandnews.comDie Wandersaison ist vorbei — und Petrus beendete sie zwischenzeitlich zwei Tage zu früh: Tatsächlich gab es am Donnerstag und Freitag den ersten Regen im Südwesten Irlands seit vielen Wochen. Und tatsächlich kamen unsere Foto-Wanderer mit dieser in diesem Jahr seltenen Erscheinung in Berührung: Sie wurden nass. Doch mittlerweile hat sich der „Indian Summer“, wie auch die Iren ihren sonnigen Spätsommer mittlerweile nennen, eindrucksvoll zurück gekämpft. (Im Alemannischen sagen wir ja noch immer Altwiibersummer dazu. Angesichts des grassierenden  Political-Correctness-Wahns aber nur noch ganz leise, und manchmal auch in der Geschlechtergerechtigkeit einfordernden Version Altmännlizit.)

Was machen wir denn so, wenn die letzten Gäste abgereist sind und der lange, einsame irische Winter schon leise an die Tür klopft, fragen uns Gäste immer wieder. Na gestern waren wir zur Abwechslung erst einmal Bergwandern: hoch auf den Hungry Hill, den König der Berge auf der Beara Peninsula. Erstmals direkt hinauf im felsigen Südhang, hinter uns die Bantry Bay, um plötzlich oben auf dem Doppelgipfel im Wind und in dickem Nebel zu stehen. Und siehe da: Aus der dicken Nebelsuppe des Südwestgipfels lösten sich plötzlich 18 vermummte Gestalten: waschechte irische Berg-Wanderer in der weiten Natur der Beara-Berge. Das ist ein eher seltenes Erlebnis, denn den Auto-fixierten Durchschnitts-Iren zieht es an den Wochenenden eher in die Shopping-Malls und die Innenstädte als auf die Berge. Nicht so die geübten Bergwanderer des Bishopstown Walking Club. Die Rambler aus Cork City sind fast jedes Wochenende und bei jedem Wetter in der Natur unterwegs. Richtige irische Natur-Burschen und -Mädels, wie sie der offiziellen Irland-App entsprungen sein könnten.

Der Rundfunk-Moderator Hans-Hennig Metz fragte mich gestern abend, warum es so viele Deutsche in den Urlaub nach Irland zieht? Gute Frage: Immerhin eine halbe Million Deutsche werden am Ende dieses Jahres Irland besucht haben. (Das Interview im Ersten Radio-Programm des Hessischen Rundfunks wird heute, Sonntag, zwischen 15 und 17 Uhr gesendet). Ich glaube mittlerweile, dass Heinrich Böll mit seinem Irischen Tagebuch auf fast prophetische Weise genau das versuchte und suchte, was auch die vielen Irlandfans der Gegenwart suchen: Eine harmonische und intakte Gegenwelt zur harrschen und unwirtlicher werdenden Wirklichkeit des deutschen (schweizerischen, österreichischen) Alltags. Das grüne Sehnsuchtsland. Das gute Irland, klar, ich erlebe es täglich und bin dankbar dafür, es erleben zu dürfen. Aber auch hier will das Leben gelebt sein, und die Probleme des irischen Alltags holen manchen Übersiedler allzu schnell ein. Am Ende ist besser dran, wer ohne überzogene Projektionen und mit offenem Blick und offenem Herzen auf der Insel unterwegs ist.

Weihnacht in IrlandDas moderne Irland, und damit komme ich an den Anfang dieser Sonntags-Skizze zurück, ist oft wenig romantisch und sehr diesseitig. Wer sich im öffentlichen Raum, oder den kläglichen Resten, die von ihm mitten im großen Privatisierungs-Wahnsinn übrig bleiben, umsieht, wer die Konsumzonen des Landes mit offenen Augen durchstreift, kann zum Eindruck gelangen, dass bewusste Auszeiten von der lebensbeherrschenden Kommunikations-Elektronik wichtiger denn je sind. Kürzlich saßen wir ein einem Restaurant in Rosscarbery neben einer sprachlosen vierköpfigen Familie. Mutter, Vater und beide Steppkes, schätzungweise fünf und acht Jahre alt, schauten gebannt in ihr iPhone und entzogen sich der stummen Runde ins Wolkenkuckucksheim des Internets. Sehr angenehm kann man das finden: Die Eheleute streiten und keifen nicht, die Kinder geben dank elektronischem Sedativ einfach nur Ruhe. Wahrscheinlich aber ist es doch nur trügerische Harmonie: Sie haben sich einfach nichts zu sagen. Immerhin: Die Bestellung haben die stummen Iren im direkten Gepräch aufgegeben — und selbst mit starrem Blick auf den kleinen Screen lässt sich sogar ganz gut kauen.

Unser Freund O in München hat diese Entwicklung, die wohl keine typisch irische ist, schon vor Jahren kommen sehen — er schickte uns damals sein ganz eigenes Weihnachts-Foto (o.) Ohne Worte. Stille Nacht, nur Whatsapp wacht.

Einen schönen (vielleicht Whatsappfreien) Rest-Sonntag wünscht der Wanderer.

PS: Was wir im Winter noch so machen: Wir schreiben ein neues Buch über Irland und bereiten die Irland-Wander-Ferien und Wildnis-Exkursionen für das Jahr 2015 vor.  PSPS: Die Gewinner der Irland Selfie Show gibt es morgen, Montagfrüh, an dieser Stelle.

Fotos: Jürgen D aus Dungarvan (oben), O aus München (unten) 

 

Von | 2014-09-21T11:11:35+00:00 21. September 2014|1 Kommentar

Der Autor:

Autor, Journalist und Wanderer. Lebt in Glengarriff im Südwesten Irlands. Mit Markus kann man in Irland wandern gehen: www.irland-wandern.de

Ein Kommentar

  1. Gabriele Dre 21. September 2014 um 13:26 Uhr- Antworten

    Wieder einmal sehr unterhaltsam und auf den Punkt genau getroffen. Das Bild ist amüsant und erschreckend zugleich. Das Baby vor dem „Mini-Apple“ habe ich erst auf den zweiten Blick entdeckt! Und die Familie, die in ihren Smartphones versunken war, haben wir im April in Bantry im Fish Kitchen auch erlebt. Vielleicht die selbe Familie?

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